Sie wissen wohl kaum, an welcher merkwürdigen Stelle wir uns eigentlich befinden. Hier hat Schiller gewohnt." Goethe wußte es natürlich, Eckermann offenbar nicht, bis zum 8. Oktober 1827. Eine Steintafel bewahrt Zitat und Datum. Das Dichterhaus hinter der Mauer, nahe einer heute heftig befahrenen Straßenkreuzung, ist alt geworden: Einer jener merkwürdigen Orte in Jena, die brüchig, beinahe vergangen und doch gegenwärtig sind. Und sicher ärmer dran als das von Goethe geschätzte Haus am Fürstengraben: Hier steht noch das Inspektorengebäude des Botanischen Gartens, wo in herbstlicher Stille gelbe Gingko-Blätter fallen wie Lesezeichen. Hier wachen an der Straße steinerne Gelehrten- Büsten über die hohe Zeit deutscher Klassik und Romantik. Hier, wo Natur und Wissenschaft so wohlgeordnet walten, läßt sich wandeln.

Und ebendies kommt einer Vorstellung von Idylle gleich, deren Abwesenheit ein paar hundert Meter entfernt Studenten und andere Bürger der Stadt beklagen.

Sie fordern eine "grüne Lunge" für das vermeintlich kalte Herz des neuen Jena - den Campus der Friedrich-Schiller-Universität, der zugleich Kernstück eines Geschäfts- und Verwaltungszentrums ist. "Bäume gegen Schrott", heißt es jetzt, als hätte nicht beides, in einer Zeit des Auf- und Umbruchs, hier einen Platz. Wobei der Schrott einen Namen trägt. Und der Protest, der örtliche Zeitungen, vor allem deren Leserbriefsparten, mit Grollen erfüllt, ein Ziel hat.

Frank Stella kam nach Jena, der sechzigjährige New Yorker Künstler, der seit Februar dieses Jahres Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität ist - eine Würdigung, die im übrigen vor neunzig Jahren Auguste Rodin zuteil wurde, einem anderen entschiedenen Modernen. Von Franz-Joachim Verspohl, dem in Jena lehrenden Kunsthistoriker, ging die Initiative aus, der die Kollegen sich anschlossen. Gen Westen hatten die Professoren der seit 1989 von Grund auf - wie es heißt - "umgestalteten und neu formierten Fakultät" geschaut.

Frank Stella wurde einstimmig genannt im Jahr 1994, als des Künstlers Architektur-Vorschlag, eine Kunsthalle seines Stils an der Herzogin Garten in Dresden zu bauen, gerade gescheitert war.

Mit einem Ehrendoktor Stella und seinem fernen Öuvre läßt sich leben. Doch wenn dieses Werk in der eigenen Stadt zur "Kunst im öffentlichen Raum" wird, ist dies eine andere Art der Herausforderung.

Der Doktor honoris causa, erfreut und "tief geehrt", erlebte den Ort, überschaute den Campus und war begeistert, dort seine neuen Arbeiten installieren zu können. So kamen mit dem Künstler jetzt fünf raumgreifende, 1995 entstandene Stahlplastiken in die Stadt: ein Ensemble mit dem Titel "Hudson River Valley". Es sind Werke, die mit ihrem kruden Materialgemenge unmißverständlich und für viele Betrachter mehr als befremdlich Gegenwart reflektieren und hier in Jena zugleich nicht minder direkt auf eine historische Gegebenheit antworten. Auf das Gelände der ehemaligen Zeiss-Werke nämlich, deren Fabrikationsanlagen 1946 als Kriegsfolge demontiert und von der DDR wieder produktionsfähig gemacht wurden, um 1990 abgebrochen zu werden. Schrott war die unmittelbare Folge solcher Abwicklung. Sechs Jahre später ist der Schauplatz zum modernen Stadtkern geworden: ein gepflasterter Innenhof, von kühl und klar restaurierten Zeiss-Bauten der zwanziger Jahre sowie einer Gruppe neuer Stahl- und Glasarchitektur umgeben.