Wer sich - in bester Absicht - in die DDR getraut hat, wurde von der Stasi beschattet oder "abgeschöpft".Das erging auch dem Künstler HAP Grieshaber und seiner Begleiterin, der Schriftstellerin Margarete Hannsmann, nicht anders.Nach der Wende erfuhr die überraschte Autorin, daß auch über sie umfangreiche Akten in Mielkes Ministerium angefertigt wurden, an die sie allerdings schwer herankommt.Dagegen erscheint ihr Name in den Akten der Künstler aus der DDR, mit denen sie und Grieshaber damals ges prochen haben.Der Dichter Reiner Kunze hat sich darüber geäußert.Darauf hat der Berliner Professor für Rechtsgeschichte und Zivilrecht Uwe Wesel berichtet: "Wundern über Wunden - Ein Spitzelbericht über ein Gedicht" (ZEIT Nr. 36/96).Darauf hat Kunze eine "nötige Antwort" gegeben (ZEIT Nr. 39/96).Wir finden es fair, der beschuldigten Autorin, die im kommenden Jahr über den ganzen Fall ein Buch herausbringt, den Platz für ein Nachwort zu geben. Reiner Kunze ist im Besitz von 24 Bänden Stasi-Akten, rund 7000 Seiten.Zum zweiten Mal stieß er auf meinen Namen und machte das Gefundene in Büchern und Zeitungen öffentlich.Ich erhielt von der Gauck-Behörde die Kopie eines Aktenblattes und die Mitteilung, daß Erkenntnisse über mich nicht vorliegen. Mein Name steht oder stand in 100 Bänden Stasi-Akten.Ich war zwischen 1969 und 1984 auf rund 40 Reisen - zweimal 10 bis 14 - also rund 400 Tage in der DDR, als Chauffeurin und Mitarbeiterin des Holzschneiders HAP Grieshaber, der bis zu seinem Tod seiner selbstgestellten Aufgabe im andern Deutschland nachging. Mein Name ist oder war regelmäßig in Franz Fühmanns Akte zu finden, bis zu seinem Tod.Man findet mich in den Akten der Dichter, Maler, Kunsthistoriker, Museumsleute, Architekten, Ärzte, Journalisten, Funk- und Theatermacher, denen wir bei unseren Besuchen begegnet sind.Manchmal liest mir jemand am Telephon daraus vor. Meine Briefe an ungezählte Empfänger und deren Antworten an Grieshaber und mich liegen oder lagen bei der Stasi, teilweise photographiert oder photokopiert. Das Wort STASI aber kam zwischen uns nie vor.Es hätte unsere Aufgabe behindert. Inzwischen weiß ich, daß Stasi-Offiziere (und KGB) unsere ständigen Begleiter durch alle Jahre waren.Daß sie auch bei HAP Grieshaber in Reutlingen und bei mir in Stuttgart aus- und eingingen, natürlich als gebildete Kunst-Funktionäre daß Franz Fühmann, den ich durch beide Deutschländer, in die Schweiz, nach Österreich fuhr, stets seinen Schattenmann hatte. Reiner Kunze möge sich einmal vorstellen, was und worüber ich wenigstens tausend Stunden lang unbefangen, weil ahnungslos, mit Stasi-(oder KGB-)Freunden geplaudert haben mag!Vielleicht erspart ihm das weitere Suchaktionen.Vielleicht erspart es ihm, daß er als Opfer-Ikone sich zum Denunzianten macht.Kein einziger der (nie von mir gezählten) Aktenbesitzer hat mich denunziert. Mein Totenhemd wird nicht besudelt durch ein angebliches Kaffeehausgespräch über Kunze mit einer Frau Wallraff oder Wallmann auf der Leipziger Buchmesse.Herr Kunze spielte für uns - Grieshaber und mich - nicht die geringste Rolle.Ich werde benützt, weil er sich an Grieshaber und Fühmann nicht die Finger verbrennen möchte deren Biographien sind offen, bezeugbar, Modelle für einen Maler, für einen Dichter während schrecklicher Jahrzehnte. Ein Stockwerk voller Stasi-Akten über uns und unsere Freunde? Vielleicht gibt es sie?Vielleicht wurden sie eliminiert in der Stunde Null.Vielleicht befinden sie sich in den aufgereihten Säcken eines langen Flurs, die neulich im Fernsehen gezeigt wurden: Sie sind gefüllt mit Stasi-Akten-Schnipseln und sollen bis zum Jahr 2010? 20? 30? zusammengesetzt und entschlüsselt sein. Vielleicht stehen dann auch unsere BND-Akten zur Verfügung.