Offensiv setzt Rudolf Augstein sich in der jüngsten Ausgabe des Spiegels mit der Politik Helmut Kohls und seiner Helfer gegenüber dem Hamburger Blatt auseinander. Recht hat er.

Man hat sich zwar angewöhnt, den Streitpunkt, um den es vordergründig geht, zu den Skurrilitäten der Kohl-Welt zu zählen - daß nämlich Spiegel-Kollegen "offenbar prinzipiell ausgeschlossen" werden von Auslandsflügen in der Kanzlermaschine. Ebenso hat man verinnerlicht, daß Kohl dem stern kein Interview gebe und überhaupt alle drei Blätter der "Hamburger Mafia", wie es im Amtsjargon heißt, nicht lese. (Im Zweifelsfall weiß er über das nicht Gelesene dann doch bis ins Detail Bescheid).

Aber es geht um mehr. Daß die Pressefreiheit keine Selbstverständlichkeit ist, war eine der Lehren aus der Spiegel-Affäre im Jahre 1962. Daraus wurde, unbeabsichtigt, der Auftakt zu einer Liberalisierung der Republik. Der Spiegel, vor allem aber Augstein, wurde zu einer wahren Institution. Man spürt das sogar noch, wenn Kohl dem Spiegel-Herausgeber zum Geburtstag gratuliert. Augsteins Meinung, schrieb er, vermöge er fast regelmäßig nicht zu teilen. Aber, frei nach Voltaire: "Ihre Meinung zu sagen, gehört zu den kostbarsten Gütern, die ich mit aller Kraft verteidigen werde."

Was die kleine Frage der Mitreise von Journalisten bei den Betriebsausflügen a la Kohl betrifft, standen am Anfang vermutlich gute Vorsätze. 9. Februar 1984, Kohl ist frisch zurück von einer Israelreise: Aggressiv verteidigt er sich bei einer Aussprache im Parlament, die unter anderem der Tatsache galt, daß zu den begleitenden Journalisten Kurt Ziesel von der Deutschlandstiftung zählte. Seit seinen Kommentaren im Völkischen Beobachter galt jener Ziesel als unverbesserlicher Rechtsaußen.

Er respektiere die Pressefreiheit, zürnte der Kanzler, noch relativ frisch im Amt. "Seit ich im Amt bin", fuhr er dann fort, "habe ich zu keinem Zeitpunkt irgendwie ein Auswahlkriterium angelegt, wer da mitfährt und wer nicht, zumal die Damen und Herren, die mitfahren, dies - wie Sie genau wissen - selbst bezahlen." Wenn die Plätze nicht ausreichen, werde ausgelost, ganz einfach.

Das stimmt nicht. Über die "endgültige Liste" der journalistischen Reisebegleiter werde im Kanzleramt entschieden, heißt es im Bundespresseamt. Ohne Los, wenn Plätze genug vorhanden sind. Die Liste ist Chefsache, besonders das Streichen von Namen.