Jahresende, Jahrtausendwende . . . Schon rüsten wir uns wieder für die Weihnachtspredigten, die Silvesterleitartikel, die Neujahrsprognosen. Vorwärts - und nichts vergessen!

Zwar ist der Gedenktage, der offiziellen und inoffiziellen, kein Ende mehr. Doch wer gedenkt wessen, und überhaupt: wer erinnert sich noch? Allein die Gedenkorgien 1995 - liegen sie nicht schon Jahrzehnte zurück? Benjamin Korn, in Paris lebender deutscher Regisseur und Essayist, fragt nach dem fast schon wieder Versunkenen: nach Christos Reichstag zum Beispiel oder Ernst Jüngers Geburtstag, nach dem Sterben von Mitterrand und Heiner Müller. Und er behauptet, daß jede Erinnerung auch Lüge ist - vielleicht die Lüge, die uns rettet.

I.

Die menschliche Empörung gleicht dem Sandpapier. Sie reibt sich ab; nach Tagen oder Jahren; sie verbraucht sich. Im einzelnen, in der Nation. Wir werden glatt wie die Spiegel und plappern vor uns hin, wie die Windmühlen klappern.

1995 war das Jahr der Erinnerung als Videoclip. Die Befreiung wurde gefeiert, von Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen, 50 Jahre Befreiung der okkupierten Länder von den deutschen Besatzern. Ernst Jünger, der deutsche Krieger und Besatzer, wurde zu seinem 100. Geburtstag gefeiert, gefeiert wurde der 90. Geburtstag des Schauspielers Bernhard Minetti, der vor der Wehrmacht spielte, die die Dichterin Else Lasker-Schüler aus Europa hinausjagte und deren 50. Todestag begangen wurde, 50 Jahre Nürnberger Prozesse, 50 Jahre Bombenabwurf auf Hiroshima, 50 Jahre Gründung der Uno, und diese Zeremonien liefen nebeneinander her, ohne sich zu reiben und zu stören, füllten nacheinander dieselben Kolumnen, und die Nachrufe der einen und Geburtstagsfeiern der andern flossen aus denselben Federn: Im großen Boulevard der Erinnerung als Videoclip hatte alles Platz, der Henker und sein Opfer, der Kriegsbesinger und der Kriegskrüppel, der Opportunist und der Widerstandskämpfer, alle Lebenden und alle Toten koexistierten friedlich mit- und beieinander und wurden abgefeiert.

Mitten in all diesen Feiern und Trauerreden, Enthüllungen von Denkmälern und Gedenksteinen, die chronologisch, in Europa und anderswo, der Rückzugsbewegung der geschlagenen deutschen Armee folgten, inmitten all dieser durch die Pietät aufgezwungenen Manifestationen der kollektiven Buße, bei denen uns der saure Moralschweiß von den Stirnen tropfte und gegen deren Übermaß sich alles in uns sperrte und sträubte, wurde ein Datum zum unerwarteten Höhepunkt und Symbol dieses Trauerjahres: die Verpackung des Reichstags von Berlin.

Eine ganze Nation machte sich, inmitten der verordneten Gedenkfeiern, in einer Denkmalsverhüllung Luft. Verhüllen ist angenehmer als Enthüllen. Und so wurde in Deutschland unter einhelliger Anteilnahme des Bundestags, der Intellektuellen und des millionenfach hinströmenden Volkes die Denkmalsverhüllung zum größten populären und mit wirklicher Begeisterung begangenen Fest des Jahres. Wenn es den Reichstag nicht gegeben hätte, man hätte ihn erfinden müssen, um ihn einzupacken; dann hätte es keinen Reichstagsbrand gegeben, keine Kommunistenjagd, keinen Zweiten Weltkrieg, dann hätte es vielleicht die deutsche Geschichte der zweiten Jahrhunderthälfte auch nicht gegeben, dann hätte man sie einpacken, mit einer riesigen Briefmarke frankieren und auf den Mond schießen können oder, besser: eines Tages von einer Zauberhand die Verpackung abreißen lassen, und darunter wäre, einem Kaninchen gleich, das ganze Gebäude mitsamt hundert Jahren deutscher Vergangenheit verschwunden.

Die Menschen tanzten um die Hülle, und die Kritiker entwarfen Theorien über den ästhetischen Gehalt der Verpackung als solcher und der Reichstagsverhüllung im besonderen, und alle freuten sich wie Kinder, daß es auf einmal, inmitten all der Feiern, fünfzig Jahre nach der Katastrophe, keinen Reichstag mehr gab, erleichtert, wie man in einem Traum erwacht und glaubt, die Wirklichkeit sei nicht geschehen. Die Reichstagsverhüllung war das einzig echte Volksfest 1995, und an dem irren Taumel partizipierten die Klugen und die Dummen, die Rechten und die Linken, Bild und der Spiegel, und die ganze wiedervereinte Nation feierte den Wunsch, es wäre nie geschehen und es hätte die Mordgeschichte des 20. Jahrhunderts nie gegeben.

Verhüllen, welch ein Fest! Ungeschehen machen, würde der Psychoanalytiker diagnostizieren und hinzufügen, daß dem menschlichen Geist nichts so penibel sei wie das Erinnern und nichts so natürlich wie das Vergessen, das Verdrängen, Verleugnen, Verzerren und Verkehren ins Gegenteil. In unserem Gedächtnis werden Niederlagen zu Siegen, Missetaten zu Wohltaten, Angriffe zu Notwehraktionen, Verrat zu Moral, Egoismus zu Liebe. Unsere Psyche besteht aus Labyrinthen und Katakomben des Verhüllens und Verdrehens, und man braucht höchste Willenskraft und Raffinesse, einen geradezu detektivischen Spürsinn, um gegen die Strategien des Vergessens anzukommen.

Alle Nationen sind voll von falsch überlieferten und auf den Kopf gestellten Erinnerungen, dem Vergessen von Verbrechen, dem Verleugnen von Niederlagen. Ich lernte in der Schule, der Erste Weltkrieg sei von Deutschland nicht verloren worden, sondern unentschieden ausgegangen; der kommunistische Widerstand gegen Hitler wurde verleugnet, der militärische aufgeblasen.

Frankreich zählte sich zu den Siegermächten und glaubt, es habe den letzten Weltkrieg gewonnen statt niederschmetternd verloren; die Résistance wird überschätzt, die Kollaboration untertrieben. Der Algerienkrieg kommt im öffentlichen Bewußtsein nicht vor, und der wichtigste Dokumentarfilm über ihn, "Le Chagrin et la Pitié" von Marcel Ophüls, wird seit dreißig Jahren nicht im französischen Fernsehen gezeigt. Als Mitte der achtziger Jahre Christo den Pont-Neuf weiß verhüllte, wußte er kaum, daß knapp 25 Jahre zuvor, 1961, auf dem Höhepunkt des Algerienkrieges, unter dieser Brücke die Leichen von über zweihundert im Pariser Polizeipräsidium ermordeten Algeriern vorbeigeschwommen waren. Die Seine färbte sich rot von ihrem Blut. Man redet nicht darüber hierzulande.

Die Menschen sind Maschinen des Vergessens. Nicht nur weil die Erinnerung versagt und alle, die das Grauen an der eigenen Haut erlebten, sterben - sondern weil Aggressionen unser Erbteil sind und wir nach Kämpfen, die unser Haßpotential entleeren, langsam wieder aufgeladen werden, bis wir Kriege brauchen: weil der Mensch den Haß, den er kriminell nicht ausleben darf, in einem kollektiven Ausleerungsprozeß namens Krieg verschütten muß und weil auf den Krieg der Pazifismus folgt wie der Hänger auf den Alkoholrausch.