Die unendliche Geschichte, der José Ignacio López seinen Namen gab, strebt einem neuen Höhepunkt zu. Mehr als dreieinhalb Jahre nach seinem spektakulären Wechsel vom weltgrößten Autokonzern General Motors zu Volkswagen wird dem Spanier in wenigen Tagen eine Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Darmstadt auf den Schreibtisch in Wolfsburg flattern - damit rechnen die beteiligten Anwälte von Volkswagen und besonders fest López' persönlicher Rechtsbeistand, der Frankfurter Strafverteidiger Jürgen Taschke.

Bei der General-Motors-Tochter Opel in Rüsselsheim, wo Chef David Herman schon lange die Geduld mit der ermittelnden Staatsanwaltschaft verloren hat, heißt der inoffizielle Kommentar: "Endlich." Denn bereits im Frühjahr 1993 hatten Opel und General Motors Strafantrag wegen Verdachts der Industriespionage gegen López und einige seiner Mitarbeiter gestellt, genauer "wegen des Verrats von Betriebsgeheimnissen an die Volkswagen AG, der Unterschlagung von Unterlagen und wegen Untreue". Drei seiner sieben Mitarbeiter - "Krieger", sagt López -, die sofort mit ihrem Meister zu Volkswagen wechselten, sollen mitangeklagt werden: José Gutierrez, Jorge Alvarez-Aguirre und Rosario Piazza. Ihnen und López drohen nun bis zu fünf Jahre Haft.

Doch das ist längst nicht alles. Der nächste Rückschlag für VW in der López-Affäre ist aus den Vereinigten Staaten zu erwarten, und zwar ebenfalls schon bald. Dort geht es um die - jedenfalls für amerikanische Verhältnisse - keineswegs skurrile Frage, ob Ferdinand Piëch, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns, ein Pate ist, also der Boß einer Mafia-Bande, der zusammen mit seinem Einkaufs- und Produktionschef López sowie weiteren neun VW-Managern eine kriminelle Verschwörung anführt wie einst Bandenchef Al Capone im Chicago der zwanziger Jahre.

Bis Ende November will die Bundesrichterin Nancy Edmunds in der Autometropole Detroit, dem Hauptquartier von General Motors (GM), darüber entscheiden, ob im Fall der Schadenersatzklage GMs gegen Volkswagen der berüchtigte Rico Act angewendet werden kann.

Rico ist die Abkürzung von racketeer influenced and corrupt organisations, also organisiertem Verbrechertum. Ursprünglich wurde das Gesetz geschaffen, um Mafia-Banden wirkungsvoller bekämpfen zu können - und zwar auch durch Geldentzug. Nur die Rico-Paragraphen erlauben es amerikanischen Richtern, die eigentliche Schadenssumme glatt zu verdreifachen. Auf diesem Wege wollen General Motors und die deutsche Tochtergesellschaft Opel den Konkurrenten in Wolfsburg dafür bluten lassen, daß López ihnen, wie sie behaupten, wertvolle Betriebsgeheimnisse gestohlen hat. Gibt Richterin Edmunds GM recht und läßt den Rico Act zu, geht die López-Affäre als einer der größten Fälle von Industriespionage in die amerikanische Geschichte ein. Für VW kann das richtig teuer werden.

GM hat den vermeintlichen Schaden zwar noch nicht in Dollar beziffert, aber es geht keineswegs um Kleingeld. Was der Spanier und frühere Einkaufschef López bei seinem Wechsel mitgehen ließ, beschrieb GM-Anwalt Eugene Driker vor Gericht in Detroit als einige der "geheimsten Dokumente" des Konzerns, darunter vor allem komplette Teilelisten mit Angabe von Einkaufspreisen und Lieferanten sowie Pläne für einen neuen Kleinwagen ("O-Car") samt der dazugehörigen hochproduktiven Fabrik ("Plant X").