Kurz nach der Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April 1945 erhielten Mitarbeiter der Abteilung für psychologische Kriegführung den Auftrag, für den amerikanischen Geheimdienst die innere Struktur des Lagers zu untersuchen. Aber schon bald war deutlich, daß ein solcher Bericht nicht geschrieben werden konnte ohne das Wissen der Häftlinge, von denen sich zum Zeitpunkt der Befreiung noch 21 000 im Lager befanden. Als Leiter einer international zusammengesetzten Gruppe von Häftlingen, die zum Buchenwald-Report beitrugen, wurde der österreichische ehemalige KZ-Häftling Eugen Kogon angeworben.

Dieser faßte die Einzelberichte zu einer Analyse zusammen, die wenig später in überarbeiteter Form und in verallgemeinernder Absicht unter dem Titel "Der SS-Staat" (1946) in der amerikanischen Besatzungszone erscheinen sollte. Kogons Darstellung wurde in der westlichen Welt bald zum epochemachenden Werk über die Entstehung und Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager überhaupt.

Zum ersten Mal liegt nun, neben Kogons früherer Darstellung, das bisher verloren geglaubte Ausgangsmaterial vor. Es handelt sich um 168 Aussagen und Berichte von insgesamt 104 Häftlingen, die über die Verhältnisse im Lager befragt worden waren oder sich selbst zu Wort gemeldet hatten.

Der Buchenwald-Report versetzt den Leser in die Zeit des unmittelbaren Kriegsendes zurück, als der SS-Terror für die Häftlinge von einem Tag auf den anderen seine Bedrohung verlor und von den Alliierten in seinem ganzen Schrecken gerade erst entdeckt wurde. Er versammelt Dokumente von großer Authentizität. Viele Berichte der Zeugen sind noch vom unmittelbaren Erleben geprägt. Sie erzählen von allgegenwärtiger Korruption, von absoluten Machtverhältnissen, von Menschenversuchen, von sexueller und wirtschaftlicher Ausbeutung und von sadistischer Gewalt, mit der SS-Leute ihre Grausamkeit auslebten oder sich ihre Langeweile vertrieben. Sie vermitteln eine Realität, in der die unberechenbare Gewalt der SS, die Zufälle des Überlebens und die Grausamkeit des Sterbens im Lager nah beieinander lagen. Dies ist die eine Wahrheit.

In den Aussagen finden sich aber auch Andeutungen über soziale Hierarchien und Privilegien unter den Häftlingen und über Racheakte an Spitzeln, die sich in den Dienst der SS gestellt hatten. Und einige Berichte bezeugen die vielleicht irritierende Tatsache, daß im Konzentrationslager Buchenwald Inseln einer scheinhaften Normalität existierten: Die sogenannten Buchenwald-Lichtspiele zeigten gegen Eintritt Unterhaltungsfilme der Ufa. Die Häftlingsbibliothek erreichte zuletzt einen Bestand von 14 000 Büchern. Und schließlich wurden im Lager neben Kulturveranstaltungen auch Sportwettkämpfe und Fußballturniere organisiert. Die Lektüre stockt spätestens bei einer Bemerkung, daß die Fußballspiele der Häftlinge vorschriftsmäßig "in tadelloser Kluft" ausgetragen wurden.

Hier blitzt ganz flüchtig eine zweite Realität des Lagers auf, die auf engstem Raum dennoch Lichtjahre von der niederdrückend apathischen ersten Realität entfernt war: die Welt der sogenannten "Häftlingsselbstverwaltung", die begrenzte Macht der Kapos, der Aktivismus weniger, deutlich besser ernährter Häftlinge. Daß die Zeugen über diese zweite Wirklichkeit des Lagers so wenig präzise sind, hängt unmittelbar mit der Entstehung des Buchenwald-Reports zusammen und lenkt die kritische Aufmerksamkeit auf die Frage, wer denn in diesen frühen Zeugnissen eigentlich spricht. Leider hat der Herausgeber weitgehend auf eine historisch-kritische Kommentierung des Materials und auf biographische Recherchen verzichtet.