Die Zahlen stimmen wieder. Deshalb könnten sich in den Führungsetagen des größten deutschen Industriekonzerns eigentlich Ruhe und Gelassenheit ausbreiten, ganz so, wie das früher war. Doch trotz eines Umsatzrekordes von mehr als 105 Milliarden Mark in diesem Jahr und dividendenträchtigen Gewinnen - nach Verlusten von 5,7 Milliarden 1995 - herrscht Unsicherheit unter den 1500 Topmanagern von Daimler-Benz. Sie wissen nicht, wo es langgeht.

"Mit wachsender Sorge, aber auch zunehmender Verärgerung", heißt es in einem Brief der Führungskräfte an die Vorstände von Daimler- Benz und Tochter Mercedes, verfolgten sie das Tauziehen um die neue Organisation der Konzernspitze. Die Manager beklagen die eigene Demotivation und schwere Schäden, die "in der Öffentlichkeit, vor allem jedoch bei unseren Kunden hervorgerufen" werden. Der Streit geht um die Zukunft der Auto-Tochter Mercedes, die gut drei Viertel des Konzernumsatzes bestreitet und nahezu neunzig Prozent des Gewinns hereinholt.

Konzernchef Jürgen Schrempp will Mercedes auflösen und die einzelnen Sparten direkt von "seinem" Vorstand lenken. Damit verlöre der erfolgreiche und bei seinen Leuten beliebte Mercedes-Chef Helmut Werner seinen Job und könnte als Ausgleich nur Stellvertreter Schrempps, also eine Art Frühstücksdirektor werden. Werner will Mercedes erhalten und die Konzernstruktur nach dem Wegfall von AEG, Fokker und Dornier Luftfahrt anders straffen. Wie viele der 1500 Führungskräfte dann überflüssig würden, hat er nicht gesagt.

Schrempp dagegen findet, auf 500 Manager könne der Konzern gut verzichten.

Bereits im Januar will der Daimler-Aufsichtsrat unter dem Vorsitz des Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper über die neue Organisation entscheiden. Gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter wird nichts laufen. Und gerade bei denen hat Schrempp viele Punkte verloren, seit er beim Reizthema Lohnfortzahlung danebengriff, einfach die Löhne kürzen wollte und dadurch Streiks in fast allen Mercedes-Fabriken provozierte. Er wollte getreu seinem Profitkurs etwas für den Shareholder value tun, doch die Aktionäre mußten einen Streikschaden von 200 Millionen Mark registrieren, Schrempp selbst einen Vertrauensverlust bei Betriebsrat und Mitarbeitern.

Vergangene Woche versuchte er mit einer überraschenden Rede vor der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gut Wetter zu machen. Statt von "Profit" sprach er über "Solidarität" und warnte vor dem "drohenden Übergang von der Konsumgesellschaft zu einer Konfliktgesellschaft".

Er versprach sogar: "Ich nehme das Wort Shareholder value nicht mehr in den Mund."