Voller Konzentration hat sie ihre Augen neunzig Minuten lang auf das Spielfeld gerichtet.Fast sieht es so aus, als habe sie sich die Wimpernschläge abgewöhnt, aus Furcht, irgendeine noch so winzige Szene zu verpassen."Dreh dich, immer bis an die Linie vorne!" - "Spiel das noch mal aus!" - "Mitgehen, in die Lücke!Auf geht's, auf geht's, auf geht's!" Das, was sie macht, nennt sie selbst einen "Traumjob".Christina ("Tina") Theune-Meyer, die 43 Jahre alte Diplomsportlehrerin, ist Cheftrainerin der Frauenfußballnationalmannschaft. Vor knapp vier Monaten hat sie ihr Amt angetreten, und das Ergebnis bislang kann sich sehen lassen: zwei glatte Siege gegen Island in der Qualifikation zur nächsten Europameisterschaft.Die Taten der neuen Chefin geben zu kühnen Hoffnungen Anlaß, doch die Trainerin dämpft, wie es ihre Art ist, selber allzu große Erwartungen auf ganz schnelle Erfolge."Ich möchte die Mannschaft formen bis zum Jahr 2000, bis zu den Olympischen Spielen von Sydney." Lautes Tönen gehört eben nicht zu den Stärken von Tina Theune-Meyer, was die Frauenfußballzeitschrift dieda zu der Bemerkung veranlaßte, bei ihr "bricht Temperament dosiert durch".Repräsentationsaufgaben im Leistungssport sind nicht gerade ein Zuckerschlecken.Sie hat es schnell zu spüren bekommen und sich geärgert über all die Zeitungsberichte, in denen Silvia Neid, ihre Kotrainerin und Rekordnationalspielerin, als "mikrophontauglicher" hervorgehoben und sie als "Journalisten-feindli ch" abgestempelt wurde. "Ich bin ein zurückhaltender Mensch, aber nicht schüchtern, und wenn es um etwas geht, bin ich voll da", entgegnet die Fußballehrerin. Für sie als Trainerin sei es selbstverständlich, in der Halbzeitpause bei der Mannschaft zu bleiben - auf jeden Fall wichtiger, als irgendwem Interviews zu geben. Wenn sie in kleinem Kreis ihre fast altmodisch anmutenden Grundsätze erläutert, dann bekommt ihre Stimme jene Entschiedenheit, jenen Ton, den sie auch auf der Trainerbank anschlägt."Obwohl ich auch privat eben doch lieber zuhöre", wie sie einräumt. Zum millionenschweren Fußballgeschäft der Bundesliga mit den existentiellen Bewährungsproben jeden Samstag hat Tina Theune-Meyer stets Abstand gehalten."Das reizt mich nicht", sagt sie, "wenn ich meine Kollegen so sehe, ihre Anspannung, die Ringe unter den Augen . . ."Sie nutzt die Distanz, um sich in Ruhe über neue Trainingskonzepte Gedanken zu machen, Ideen zu entwickeln - am liebsten beim Radfahren bergab oder lieber noch bergauf. Bei den Übungsstunden vor den Länderspielen spricht sie, so wie Kollege Vogts bei den Männern, ausführlich mit jeder Spielerin. Autoritärer Führungsstil ist ihre Sache nicht."Da kann man ja hineinwachsen" oder "Das muß sich entwickeln" lauten ihre Losungen. Ihr eigener Lebensweg ist ein gutes Beispiel für die Qualität eines solchen pädagogischen Ansatzes. Die in Kleve geborene und in Kevelaer aufgewachsene Pfarrerstochter - alle frühen Kinderphotos zeigen sie mit einem Ball unter dem Arm - wollte zunächst Lehrerin werden.Sie beginnt an der Sporthochschule in Köln ein Studium, Hauptfach selbstverständlich Fußball.Daneben belegt sie an der Pädagodischen Hochschule auch noch die Fächer Religion und Textilgestaltung.Da sie nach dem Examen keine geeignete Anstellung findet, meldet sie sich spontan zu einem Trainerlehrgang an. 1985 ist es soweit.Sieben Monate hat sie mit Fußballgrößen wie Hannes Bongartz oder Winfried Schäfer die Schulbank gedrückt, sich auch bohrende Fragen der Männer anhören müssen wie etwa "Was willst du denn mit der Lizenz?".Sie bes teht - als erste Frau - die Prüfung, bei der unter anderem "die Verbesserung und Stabilisierung der Torwarttechniken" auf der Tagesordnung steht. Note "Gut", Tina Theune-Meyer erhält die begehrte Fußballehrerlizenz des Deutschen Fußballbundes. Womit nicht gesagt ist, daß sie ihr Fachwissen vor allem aus Büchern gespeist hat.Mit 19 Jahren schloß sie sich - "ich spiele gut" - dem SV Grün-Weiß Brauweiler an.Einer Mannschaft, der sie als Mittelfeldspielerin, als Libero, mehr als zehn Jahre diente.Eine folgenreiche Zeit, ihr erster Trainer hieß Thomas Meyer, ihr späterer Mann. Tina Theune-Meyer, die einmal Bernd Schuster als ihr sportliches Vorbild bezeichnete, schaffte selber nie den Sprung in die Nationalmannschaft. Abgesehen von einem Sieg 1987 mit der Mittelrheinauswahl bei einem Länderpokal errang sie keinen Titel.Aber im Laufe der Zeit lernte sie alle Spielerinnen kennen, sie speicherte die Namen von allen Hoffnungsträgern, den jungen Talenten in den vielen Vereinen. Veritable Kenntnisse, die man höheren Ortes zu schätzen weiß. Irgendwann kommt die Frage von Gero Bisanz, der vor ihr vierzehn Jahre lang die Fußballnationalmannschaft der Frauen trainiert hat, ob sie seine Nachfolgerin werden wolle."Zuerst konnte ich mir das nicht vorstellen, aber ich bin da reingewachsen." In ihrer Jugend, als die Nachbarsjungen am Wochenende ihre Wettkämpfe austrugen, beobachtete Tina Theune-Meyer das Spiel auch schon von der Linie aus - aber nur als Zuschauerin.Mädchen durften, wenn es um Pokale ging, nicht mitspielen.Das fanden die Theune-Töchter einfach unfair. Vier der fünf Schwestern waren leidenschaftliche Kickerinnen. "Einmal am Tag mußte ich auf den Fußballplatz.Einmal wurde ich sogar von der Polizei gesucht, weil ich eigentlich bei meiner Großmutter sein sollte", erinnert sich die Zweitälteste heute mit Vergnügen. Als Tina 1972 ihr Studium begann, war der Frauenfußball gerade mal seit zwei Jahren offiziell vom Deutschen Fußballbund anerkannt. Es gab noch keine Klasseneinteilungen, keine Mädchenschulmannschaften. Inzwischen hat der DFB fast 700 000 weibliche Mitglieder, allein im letzten Jahr gab es 100 000 Neuanmeldungen."Es hieß damals immer", erinnert sich die Trainerin amüsiert, "Frauen sollten ihre eigenen Spielregeln haben - Handspiel erlaubt und so was, leichtere Bälle, kürzere Spielzeiten." Heute ist die Gleichbehandlung von Mädchen- und Jungenmannschaften längst selbstverständlich.Tina Theune-Meyer: "Wir vertreten die Ansicht: Fußball ist Fußball.Es wird das gleiche trainiert, die gleiche Technik, es gelten die gleichen Regeln."Persönlichkeiten, Typen, die ein Fußballspiel beherrschen und ganz allein entscheiden können, brauche jedes Team. Solche Stars, solche "Highlights", die das Publikum in Scharen anziehen, fehlten freilich noch im Frauenfußball, bedauert die Trainerin.Denn erst der Jubel von den Rängen sorge für das komplette Fußballgefühl.Wenn die Nationalmannschaft vor Tausenden Zuschauern spiele, "da kommt doch gleich was ganz anderes rüber". Mit einigen gängigen Vorurteilen möchte die Fußballehrerin gern aufräumen.Die Frauen, sagt sie, gingen im Spiel genauso an ihre physischen Grenzen wie die Männer, und - sie "spielen für Deutschland". Allerdings, es gebe durchaus Unterschiede."Frauen legen in den neunzig Minuten eher Wert auf schöne Kombinationen und das Zusammenspiel, Art der Männer ist es, "Rasanz und Zweikampfstärke zu favorisieren." Mag auch die Trainerin die vergleichsweise immer noch schwachen Zuschauerzahlen beim Frauenfußball gerade bei Spielen in den unteren Klassen bedauern, fest etabliert habe sich dieser Sport längst. "Wir kriegen als Nationalmannschaft alles, auch mal eine Chartermaschine, wenn wir sie brauchen", korrigiert sie das Bild, der DFB unterstütze den Frauensport nicht ausreichend. Vorbei die Zeiten der Anfänge, als Frauen Mühe hatten, "überhaupt eine Mannschaft zusammenzukriegen".Das sei sicher auch "spaßig" gewesen damals.Einige seien vermutlich dabeigewesen, weil sie sich gesagt hätten, "Frauen müssen Fußball spielen aus emanzipatorischer Sicht". "Ich glaube", sagt Tina Theune-Meyer, "die Fußballerinnen sind selbstbewußter und weiblicher geworden."Als Trainerin hat sie genaue Vorstellungen von den Tugenden, die eine erfolgreiche Nationalspielerin auszeichnen sollten: "So eine gewisse Keckheit gehört dazu.Jemanden reinlegen wollen, wenn man am Ball ist, ein paar Tricks draufhaben - so Gewinnertypen eben."