HAMBURG. - Eine Polenreise im Herbst 1992 bringt den Stein ins Rollen - oder genauer: eine Tafel in Bewegung. Besichtigung der ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek. Auch Zyklon-B-Dosen, die Behälter des Giftgases, sind ausgestellt. Ein besonders aufmerksamer Besucher sieht genau hin: "Tesch und Stabenow Hamburg 1, Meßberghof" steht auf den Etiketten. Martin Werner, Sozialarbeiter aus Hamburg, wollte mehr wissen und forschte nach.

Tatsächlich hatte die Desinfektionsfirma Tesch und Stabenow, Kurzform "Testa", von 1929 an im Meßberghof, einem Hamburger Kontorhaus am Meßberg 1, ihren Sitz. 1924 war sie als "Internationale Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung m.b.H." in der Hansestadt gegründet worden und führte sogenannte "Entwesungen" in Lagerhäusern, Kasernen und auf Schiffen durch. Verkauft wurde auch an Konzentrationslager 1942/43 gingen über 19 000 Kilo allein nach Auschwitz. Neben den Lieferungen führte das Unternehmen aber auch Schnellkurse über den Umgang mit dem Gas für SS- und Wehrmachtsangehörige durch.

1946 wurden der Inhaber Bruno Tesch und sein Prokurist Karl Weinbacher von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Firma bestand unter dem Namen Testa GmbH bis 1979 in Hamburg weiter.

Martin Werner, der sich mittlerweile so kundig gemacht hat, daß er im nächsten Jahr eine Dokumentation zur Geschichte der Testa plant, war und ist überzeugt: "Dieser Ort muß kenntlich gemacht werden." Er gründete mit einem Freund eine Initiative, die Ende 1992 beim Ersten Bürgermeister der Stadt, Henning Voscherau, den Antrag stellte, am Meßberghof eine Tafel mit Informationen zu Tesch und Stabenow anzubringen. Nun beginnt ein jahrelanges Hin und Her.

Dabei sah es anfangs so aus, als könnte die Sache zügig vorangebracht werden. Bürgermeister und Kulturbehörde wußten nämlich bis dato nichts über die im Meßberghof organisierten Giftgaslieferungen und nehmen die Anregung dankbar auf. Anfang 1993, also schon nach wenigen Monaten, beschließt die Kulturbehörde, den Meßberghof im Rahmen des Tafelprogramms "Sehenswerte Bauten, Stätten der Verfolgung und des Widerstandes 1933-1945" mit einer Informationstafel zu versehen. Seit den frühen achtziger Jahren weisen in Hamburg etwa zwei Dutzend solcher Tafeln auf Naziverbrechen hin. Das sogenannte Schwarze-Tafel-Programm entstand in Analogie zu den blauen Tafeln, die an Hamburgs Kulturdenkmälern hängen und sie an prominenter Stelle als solche kennzeichnen.

Die Kulturbehörde entwirft bald eine erste Textversion. Indessen lehnt der Eigentümer des Meßberghofes das Ansinnen ab, eine Tafel anzubringen - mit der Begründung, sie würde "eine zügige Vermietung voraussichtlich behindern". Der Bürgermeister setzt sich bei der Kulturbehörde dafür ein, "die Erinnerungstafel bei nicht zu erreichendem Einvernehmen mit den Eigentümern auf öffentlichem Wegegrund aufzustellen".

Der Gedanke wird aber nicht weiterverfolgt. Mittlerweile sind wir weit im Jahre 94.

Nächste Runde: Martin Werner und sein Freund Jürgen Kalthoff lassen nicht locker. Anfang 1995 machen sie ihrerseits einen Vorschlag für die Tafelgestaltung. Sie stellen sich vor, daß die Tafel überwiegend aus dem Photo des Etikettes einer Zyklon-B-Dose besteht. Darunter eine knappe Erläuterung: Mit diesem Giftgas wurden Menschen in Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Neuengamme und Stutthof ermordet.

Sie schicken ihren Vorschlag dem Bürgermeister.

Im April 1995 entscheidet sich der Senat dann noch einmal ausdrücklich dafür, eine Erinnerungstafel am Meßberghof anzubringen. Inzwischen ist das Kontorhaus verkauft worden und wird renoviert. Neuer Eigentümer: die Deutsche Bank. Sie stellt sich nicht quer, als die Kulturbehörde auf sie zukommt - im Gegenteil: Sie will ihrer Erinnerungspflicht nachkommen. Ohnehin um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemüht - 1995 kam das Buch zur 125jährigen Geschichte der Deutschen Bank heraus -, stimmt sie nicht nur der Anbringung einer Tafel zu mehr noch: Sie will sie finanzieren und auch die Gestaltung in die Hand nehmen. Es geht voran?

Von wegen. Jetzt geht es erst einmal um Beschriftung und Standort der Tafel. Da ist vieles noch nicht geklärt. Die Deutsche Bank kommt auf den Gedanken, den Informationen zu Tesch und Stabenow ein Zitat voranzustellen: Sie wählt die Schlußzeilen aus dem "Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" des jüdischen Dichters Jizchak Katzenelson, der 1944 in Auschwitz umgebracht wurde.

Vernichtet all die Schlechten

nicht auf dieser Erde!

Laßt sie machen, denn

Sie selber werden sich vernichten.

Alle. Und für immerdar.

Katzenelson erlebte im Warschauer Ghetto die Deportation von Frau und Kindern, kam mit falschem Paß ins "Vorzugs-KZ" in Vittel und schrieb dort von Oktober 1943 bis Januar 1944 über sein eigenes und das Leiden seines Volkes ein großes Poem in jiddischer Sprache.

1994 hat Wolf Biermann Katzenelsons Gesänge ins Deutsche übertragen, nachgedichtet. Angeregt wurde er dazu von dem Historiker Arno Lustiger, auf den auch die Veröffentlichung zurückgeht. Die Deutsche Bank spricht Lustiger auf ihre Idee an, der das Vorhaben unterstützt und auch die Zustimmung von Wolf Biermann einholt. "Spontane Zustimmung" finden die Katzenelson-Zeilen auch bei Kultursenatorin Christina Weiss, und mit der Kulturbehörde einigt man sich schließlich auf einen Text. Dieser Textentwurf geht auch der Initiative zu.

Aber hier sind zwei unterschiedliche Standpunkte des Gedenkens.

Martin Werner und Jürgen Kalthoff - mittlerweile Experten in Sachen Tesch und Stabenow - sind alles andere als glücklich über diese Textversion, weil sie Opfer und Täter nicht gemeinsam auf einer Tafel sehen wollen. Sie wenden sich direkt an die Deutsche Bank in Frankfurt. Diese nimmt ihre Argumente ernst so ernst, daß im Juli 1996 zwei Herren von der Deutschen Bank und Arno Lustiger in Hamburg einfliegen, um sich mit Martin Werner und Jürgen Kalthoff zu treffen. Es findet allerdings wenig Annäherung statt. Hier die Initiative, die grundsätzliche Bedenken hat, den Informationen auf der Tafel ein Zitat voranzustellen - "diese Verbrechen bedürfen keines Sinnspruches" -, dort die Deutsche Bank, die auf den Zeilen Katzenelsons besteht. Der Vorschlag, die Dose abzubilden, stößt bei den drei Herren aus Frankfurt auf entschiedene Ablehnung: Damit würde eine Zyklon-B-Dose zum Kunstgegenstand erhoben Assoziationen zur Warholschen Campbell-Dose drängen sich auf.

Die Initiative wiederum befürchtet Verständnisschwierigkeiten bei den Passanten: Das Zitat, so lauten die Argumente, sei aus dem Zusammenhang gerissen und gebe den Kontext des Poems nicht wieder. Außerdem sei der Bezug zum weiteren Tafeltext nicht ersichtlich.

Haarspaltereien, Fanatismus oder berechtigte Einwände? Die Deutsche Bank hält dagegen: Wolf Biermann und Arno Lustiger sähen in den Zeilen die "Essenz des Gedichtes" außerdem wolle man einen Denkanstoß geben, über eine rein dokumentarische Darstellung hinausgehen.

Eine gelungene Idee über die Mahnroutine hinaus?

Die Deutsche Bank bleibt bei ihrer Vorstellung, jene Zeilen von Katzenelson auf die Tafel zu setzen, darunter den erläuternden Text:

"Dieses Zitat stammt aus dem großen Poem über das Sterben der Juden in der Shoah von Jizchak Katzenelson, der - wie viele Menschen aus ganz Europa - in Auschwitz mit dem Giftgas Zyklon B ermordet worden ist.

Die Firma Tesch und Stabenow, die ihr Büro im Kontorhaus Meßberghof hatte, lieferte das Giftgas Zyklon B an die Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Neuengamme, Stutthof.

Inhaber und Geschäftsführer der Firma sind 1946 von einem britischen Militärgericht verurteilt und hingerichtet worden."

Immerhin wurden hier einige Verbesserungsvorschläge von Werner und Kalthoff aufgenommen. Dennoch sind diese mit dem vorgesehenen Text der Tafel ebenso unglücklich wie mit dem geplanten Standort.

Nach dem Willen der Deutschen Bank wird sie in einer kleinen "Vorhalle" hängen sichtbar nur für den, der das Haus betritt. Nachts verschwindet sie hinter einem Scherengitter. Neben der Tafel soll das Katzenelson/Biermann-Buch in einer Lade ausliegen. "Uns kommt es darauf an", erklärt Jürgen Wundrack von der DGI, Beteiligungsgesellschaft der Deutschen Bank und Eigentümerin des Hauses, "einen würdevollen Rahmen zu schaffen, einen Ort des Gedenkens und der Stille." Außerdem will man die Tafel vor Schmierereien schützen. All dies hat die Kulturbehörde abgesegnet. Dort räumt man zumindest ein, der Standort sei ein Kompromiß, man müsse sich möglicherweise dem Vorwurf der "halbherzigen Information" aussetzen.

Nicht die Stadt, sondern die Deutsche Bank wird die Tafel bezahlen.

Gehört diese damit ins Schwarze-Tafel-Programm der Stadt, dem Senatsbeschluß entsprechend? Sie sei "nicht außerhalb" des Schwarze-Tafel-Programms, sagt Senatsdirektor Volker Plagemann, aber die Deutsche Bank "rechnet es sich zur Ehre an, die Tafel zu errichten. Deswegen haben wir uns mit dem Kompromißverfahren einverstanden erklärt."

Also eine Art "Privattafel" der Deutschen Bank, die somit auch festsetzt, zu welchem Zeitpunkt die Tafel aufgestellt wird und in welchem Rahmen. Die Kulturbehörde hat dazu genickt. Die Initiative dagegen, die mit ihrem aufklärerischen Engagement viel erreicht hat, bleibt unzufrieden. Text und Plazierung entsprechen nicht ihren Intentionen, als sie vor vier Jahren den Anstoß zu den "Tafelrunden" gaben. Einigkeit über die Form des Gedenkens kam also nicht zustande.

Dabei hat der Bürgermeister erst kürzlich, im Oktober, den beiden Initiatoren zugesagt, ihre Bedenken noch einmal zu prüfen, und um etwas Zeit gebeten. Die Zeit hat er wohl nicht mehr. Die Deutsche Bank hat die Tafel inzwischen in Auftrag gegeben.