Menschen gibt es, an die kommt nichts ran. Die tragen, wo sie gehen, stets ihre innere Uhr bei sich. Mag die Welt draußen brausen, ruht doch in ihnen eingepanzert die Gewißheit, daß den Selbstgerechten nichts stören könne. Ob solcher Stoizismus aus dem Herrn oder aus der Phantasielosigkeit bezogen wird, gleichviel: An ihnen tropft alles ab wie an einer Regenhaut, unerweckt und unbefleckt durchstapfen sie das Leben.

Fräulein Lina Bögli, 34, Erzieherin aus Bern, ging - wohl eines Liebesproblemes halber - vor hundert Jahren auf eine Reise, und da alles seine Ordnung braucht, plante sie dafür auf den Tag genau zehn Jahre ein. Australien, Neuseeland, die Südsee, Amerika - fürwahr, ein mutig Unterfangen, will man meinen. Fräulein Bögli hat darüber ein Buch geschrieben, Tagebuchbriefe auf immerhin 250 Seiten, und liest man das, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wie wenig sie zu staunen fand. Sie hat sich Freunde gemacht bei den Papuas und ihnen erklärt, wo die Schweiz liegt, hat gelernt, daß man auf Samoa "Talofa" für "Grüezi" sage (weshalb ihr neuerlich aufgelegtes Buch "Talofa" heißt), fand manches schön und manches nicht so schön und zog bei alledem stets den heimatlichen Apfel allem exotischen Früchtezeug vor.

Darüber hinaus hat sie wenig zu melden, denn es ist ihr gelungen, in zehn Jahren nichts zu erleben, nichts als das zu sehen, was in den damals populären Zeitschriften (Gartenlaube, Über Land und Meer, und wie sie alle heißen) beschrieben war. Vielleicht war das Fräulein nie wirklich fort? Wenn doch, so schritt sie wie Käthchen von Heilbronn durch die Feuerwand: unberührt. Nichts drang durch Böglis Tuchmantel ins Innere, und wo immer sie war, war sie dies als Emmentalerin.

Starr und sehr aufrecht ragt Catriona Guggenbühl im filzbraunen Kostüm, das bodenlang und tailliert die Figur strafft, aus der Mitte des Raums. Ein Köfferlein trägt sie und ein rüstiges Sporthütchen.

So tritt sie ans Stehpult, so legt sie den Finger auf die Zeilen, wenn sie betulich vorliest (was Lina Bögli später auf Vortragsreisen oft tat), meist drückt sie gegen Zeilenende ihren schrägen Kopf hoch und fixiert die Hörerschaft knapp und mit stumpfem Stolz.

Manchmal muß sie auch streng werden und ihrem Gouvernantenberuf nachkommen, wenn nämlich die drei Herren linker Hand bübisch werden und nicht wollen, wie sie sollen: Verse aufsagen, Lieder singen, stille sitzen. Wenn sie statt dessen wie Machos und Makaken keckern, in der Nase bohren (dann bekommen sie eins auf die vorgestreckte Pfote), wenn sie, die Nase auf die Tasten bettend, am Harmonium entschlummern und, wiedererweckt, wie ein neuaufgezognes Grammophon mitten in der Zeile weitermachen: hochgepumpt.

Christoph Marthaler hat arrangiert, collagiert, inszeniert. Ein Schweizer, der des Schweizers Befähigung zum Bedachtsamen, dieweil draußen die Welt tobt, als Kunstmaterial entdeckt hat, alle Bewegung an den Rand des Stillstands brachte und als - höhnischer - Zeremonienmeister seiner Landesruh die Exequien vollzieht, Inszenierung für Inszenierung, Liedchen um Liedchen. Immer steht ein Tasteninstrument auf Marthalers Bühne, stets tasten glockenreine Baritone und Tenörchen in sehnsuchtssüchtigen Arien, Schlagern und Volksweisen über ihre Grenzen, die doch immer viel zu nahe liegen: Alles ist ja viel zu eng und kleinkariert im Leben da hilft nur, auf den Flügeln des Gesanges wenigstens ein kleines Weilchen darüberzuschweben.