Unter dem großen Wurf der Systemtheorie werden die gewichtigen Fragen nach der Qualität fast vollständig verschüttet. Grund genug, die Luhmannschen Thesen zu befragen: Ist das observierte "System der Massenmedien" nicht selbst nur eine Konstruktion, dadurch entstanden, daß Luhmann sie entwirft?

Doch auch diese Frage nimmt der Autor in bewährter Manier vorweg und macht nonchalant seine Zugeständnisse: Alles ist Konstruktion, auch das Beobachten der Beobachter. Nur daß das Ganze, weil es Konstruktion ist, nun unwahr sei, damit kann der Hegel-Preisträger nichts anfangen. Eine Wahrheit jenseits der Beobachtungen existiert ja nicht.

Bei soviel jovialer Selbstsicherheit fragt man sich unweigerlich, ob es nicht wenigstens einen Punkt gibt, an dem der Vivisekteur seine klinische Distanz aufgibt.

Der Leser hat Glück, es gibt ihn; nämlich dann, wenn es um die Innovationsgesetze der Medien geht. "Eine sich auf Wachstum festlegende Gesellschaft bedroht sich ständig selbst mit ihrer eigenen Vergangenheit." In seinen bösen Aperçus ist Luhmann Geistesaristokrat; ein kulturkonservativer Kritiker, der vom geradezu neurotischen Zwang spricht, etwas Neues bieten zu müssen, und den Massenmedien ihre drogenartige Ablenkung auf immer neue Neuigkeiten ins Stammbuch schreibt. Das Ziel ihrer Unterhaltung bestehe darin, überflüssige Zeit zu vernichten.

Nein, der Autor, der nächstes Jahr siebzig wird, macht keinen Hehl daraus, daß er sich in der Welt von Kabel, Bildschirm und Umbruch nicht besonders wohl fühlt, und bietet auch gleich einen Ausweg an: "sich per Abstinenz (oft arroganter Abstinenz) an ein Selbst zu gewöhnen, das darauf nicht angewiesen ist und sich eben dadurch definiert."

Doch so ganz kann sich auch der Beobachter den Massenmedien nicht entziehen, andernfalls könnte er nicht über sie schreiben. Er bleibt dabei: "alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Weltfremd ist der Observationsexperte der Gesellschaft gewiß nicht. Eher ein Münchhausen, der sich am Zopf aus dem Wasser zieht und gleichzeitig vom Ufer aus beobachtet, wie er zum Vorschein kommt.

Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1996; 219 S., 24,80 DM