Um dieses Buch gehört eine Bauchbinde, auf der steht: "Diskursfreie Zone". Ich will es nicht beschwören, aber ich bin ziemlich sicher, daß der Autor nur ein einziges Mal das Wort Diskurs gebraucht und auch alle Autoren meidet, mit deren Theorien es mitkommen würde. Das wirkt so wohltuend, wie wenn plötzlich kein Politiker mehr "Ich gehe davon aus" und keine Westdeutschen mehr "spannend" (Steigerungsform: "hochspannend", "total spannend") sagen würden.

Die Vermeidung des "Dummfranzösischen" - und was sehr viel mehr ist, Wyssens konsequentes Selbstdenkertum - führen dazu, daß man dieses Buch, das einen viel erklommenen Gipfel hochstürmt, wie eine Erstbesteigung erfährt. Man wird nicht mit gnomischen Weisheiten traktiert, die auf zehn ungeklärten Prämissen beruhen man bekommt sie aus erster Hand und dazu immer einen festen Druck. Ich würde mir zutrauen, aus diesem Buch einen Abreißkalender zu machen, der für jeden Tag so wunderbare Sentenzen unters Volk streut wie: "So sorgt der Spaltpilz der reinen Lehre dafür, daß das Werk der Welterlösung nicht zu rasch überhand nimmt." Oder: "Erst Andy Warhol löste sich von der klassischen Tradition (der Moderne).

Warhol litt nicht, war reich, unbelesen und kein Trinker. Dionysische Anfälle beschränkten sich bei ihm auf das damenhafte Laster, hin und wieder eine Schachtel Pralinen wegzuputzen. Damit war die Klassische Moderne zu Ende."

Wyssens Diskursvermeidungsstrategie ist insofern ganz überraschend, als der ganze Traktat einem Diskursphänomen gewidmet ist, der Moderne, die auch nach Wyss sehr viel mehr ist als ihre Werke, nämlich ein "Geschwader" von Werken und Texten, ein "System von ,Painted Words`". So macht sich Wyss daran, das Konzept des Diskurses neu zu erfinden, und er benennt es mit Worten, die verfänglicher sind und damit auch ehrlicher als die perfekten Konstruktionen der Diskursanalytiker. Es läuft bei ihm auf eine "Mentalitätengeschichte der Moderne" hinaus, die ihr Material an "unscharfen Gedanken" und an "unscharfen Denkfiguren", an "Topoi" hat. Topoi sind "mit Leonardo gesprochen: Flecken an der Mauer einer Epoche, deren Unbestimmtheit die Künstler zu Kompositionen und Erzählungen inspiriert.

Auf der wolkig rauschenden Redundanz einer mentalen Verfaßtheit entstehen die Lichter, Akzente und artikulierten Rhythmen einer künstlerischen Information."

Aus dem Zusammenhang unscharfen Denkens herausgerissen, schauen einen die sieben Grundsätze oder Topoi der Moderne, auf die Wyss kommt, dann doch recht manierlich und wohlgekämmt an. "Topos A: Schöpfung entspringt einem unbewußten Antrieb. Topos B: Das Kunstwerk entfaltet sich im Streit eines Gegensatzes. Topos C: Ästhetische Erfahrung besteht im Aushalten des Gegensatzes in Topos B. Topos D: Kunst sprengt die Grenzen der Individuation. Topos E: Keine Gefühle, keine Kompromisse. Tertium non datur. Topos F: Zurück zum Anfang und auf den Grund der Dinge. Topos G: Notwendigkeit ist Freiheit." Und falls hier jemand mitschreibt, notiere ich auch gerne noch die drei Spielarten der Moderne, die der ordentliche Schweizer Wyss unterscheidet (der mit wirklichem Wohlgefallen in diesem Buch nur seinen großen Vorgänger Heinrich Wölfflin betrachtet, dessen fünfmal zwei "Grundbegriffe" außerschweizerisch so kanonisch wurden wie innerschweizerisch die Zusammensetzung und Anordnung des "Mannsputzzeuges" beim Rekruten.)

Also, es gibt drei Modernen: die klassische, die aus den Topoi A bis D ihre erhabene Kunstreligion zusammenstellt - wir denken an Mondrian und Malewitsch -, die aktionistische, bei der gerne auch mal die Späne fliegen, "anfällig für den politischen Sündenfall", wie sie nun einmal ist und bedürftig vor allem der Topoi E bis C - wir merken uns hier Futurismus, Konstruktivismus, Neue Sachlichkeit und Expressionismus ("Keine Gefühle"?). Und dann gibt es noch die nominalistische Moderne, bei der geht es lustiger zu: "Picasso ist zu humorvoll und zu ungläubig, um mit der Kunst die Welt verändern zu wollen. Unter seiner enormen Produktion erkalten die Motive der Klassischen Moderne virtuos zur Form."