Genforscher lösen ein Jahrhundert-Rätsel" und "der entzauberte Prinz", mit solcher Vollmundigkeit hat der Spiegel seine jüngste, zugegebenermaßen lesenswerte Titelgeschichte verkauft. Kaspar Hauser, das unglückliche "Kind Europas" (ZEIT vom 14. April 1995), sei kein Prinz aus dem Haus Zähringen-Baden, so will der Spiegel glauben machen. Aber die von ihm engagierten Genforscher sind vorsichtiger als die Redaktion des Spiegels. Sie reden nie von Kaspar Hauser. Das sehr alte Blut eines kaukasischen, also europäischen Menschen von einem Stoffetzen beweise, daß dieser nicht mit der Familie des Hauses Baden verwandt sei. Der Spiegel aber zieht skrupellos die Linien weiter, bis zu Kaspar Hauser. Doch daß Kaspar Hauser nicht der Erbprinz von Baden gewesen sei, daß das "Geheimnis gelüftet" sei, ist durch die Spiegel-Recherchen nur um einiges wahrscheinlicher, keineswegs sicher oder gar zweifelsfrei bewiesen.

Marktgeschrei ist keine Wissenschaft, Suggestion ist keine Logik.

Gleichwohl wird das Haus Baden dem Spiegel ungeheuer dankbar sein.

Aber was hat der Spiegel nun mit viel Geld und zwei renommierten Instituten wirklich bewiesen? Daß der verletzte und blutende Träger einer uralten Unterhose nicht mit Stephanie Beauharnais verwandt war und deshalb auch nicht der "Märchenprinz" (so der Zynismus des Spiegels) aus dem Haus Baden sein konnte, den eine machtgierige, angeheiratete Zähringerin mißhandelt und eine noch skrupellosere beseitigt haben soll. Dies, daß der Produzent des Blutflecks in der ominösen Leinenhose nicht mit den Zähringer-Badenern verwandt ist, ist bewiesen, kein Jota mehr.

Nicht bewiesen ist, daß die Leinenhose von Kaspar Hauser stammt und daß der Blutfleck die Folge des Mordes in Ansbach am 17. Dezember 1833 war. Der Spiegel hat da eine klaffende Lücke, die er mit Suggestivem zudeckt. Die genetische Beweisführung stützt sich lediglich auf die blutbefleckte Hose. Sie blieb, nach Darstellung des Spiegels, in der Registratur des Gerichts in Ansbach eingeschlossen und wurde - erster Wechsel - 1888 dem Historischen Verein dort übergeben. Der verwahrte sie bis 1926 "in versperrten Schränken".

Im Herbst 1888 wurden die "Hauser-Devotionalien jedoch erstmals öffentlich gezeigt, auch auf der Berliner Polizeiausstellung" - zweiter Ortswechsel. Während des ersten Krieges ausgelagert, bekleiden die Stücke seit 1961 im Markgrafenmuseum eine Puppe - dritter und vierter Wechsel. Daß die Hose mit "C.H." bestickt ist, beweist nichts. In den 163 Jahren seit dem Mord kann viel mit ihr geschehen sein. Dem Gerücht, der "Hausmeister des Museums habe aus einem Kännchen mit roter Flüssigkeit ,ein paar Tröpfle auf die Kleider Kaspar Hausers`" (Darstellung des Spiegels) geschüttet und das Gewand von Zeit zu Zeit mit Rinderblut naßgemacht, damit es eindrucksvoller aussehe, hat der Spiegel nur die apodiktische, aber unbelegte Behauptung "kein Ochsenblut" entgegengesetzt. Die Institute haben denn auch "das Blut eines ,männlichen, kaukasischen`, also europäischen Menschen" gefunden. Daß der Mensch Kaspar Hauser sei, davon geht der Spiegel ohne pingelige Erörterung und ohne Beweis aus.

Das ist rätselhaft und wenig verständlich. Denn Kaspar Hauser liegt höchstkörperlich in Ansbach begraben. Der Spiegel verliert kein Wort über dieses Grab auf dem Johannisfriedhof in Ansbach, wo auf dem Grabstein (Spiegel-Titel, Hintergrund) in Latein, wie auf dem Mordgedenkstein im Hofgarten, Kaspar Hausers Dasein als Rätsel ("Aenigma") bezeichnet wird. Ein Rätsel ist eben auch, wieso der Spiegel die Prüfsubstanzen für die DNS-Probe nicht dem Leichnam im Grab entnehmen ließ. Diese Identität wäre hundertprozentig, denn von einer Öffnung des Grabes in den gut anderthalb Jahrhunderten gibt es keine Nachricht. Hätte das Aufsehen einer Graböffnung die Überraschung der Titelgeschichte vom Montag verhindert? Wieso soll der Blutfleck auf der Unterhose ebenso authentisch sein wie eine Probe aus dem Grab? Weshalb erklärt der Spiegel in seinem selbstherrlichen Text nicht, warum er das Grab nicht öffnen ließ oder vielleicht nicht öffnen lassen konnte?