STUTTGART. - Die Todesanzeige in ausgewählten Tageszeitungen war eine viertel Seite groß und erinnerte an Henri Humblot. Dem ehemaligen Jugendoffizier der französischen Militärregierung von Südwürttemberg-Hohenzollern, der Anfang November in seinem Heimatort Guerchy achtzigjährig starb, dankte der Internationale Bund (IB) in Frankfurt für "das Vertrauen", das Humblot der "aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrten Generation" entgegenbrachte. Mitunterzeichner der Traueranzeige war Heinrich Hartmann, Vorsitzender des Bundeskuratoriums des IB.

Humblot und Hartmann hatten sich am 26. März 1946 durch Vermittlung des damaligen Landesdirektors für Justiz, Kultus, Erziehung und Kunst, Carlo Schmid, unter strenger Geheimhaltung in Tübingen getroffen. Hartmann stand als einer der obersten Führer der Hitlerjugend auf den Fahndungslisten der Alliierten und hätte durch den französischen Besatzungsoffizier eigentlich sofort verhaftet werden müssen.

Statt dessen sprachen der Kommunist Humblot und der Exnationalsozialist Hartmann über das Elend der deutschen Kriegsgeneration und planten schließlich die Einrichtung von Umerziehungslagern. Wenig später schufteten 21 illegale ehemalige HJ-Funktionäre im demokratischen Straßenbau. Ihr Führer: Heinrich Hartmann.

Die Geburtsstunde des Internationalen Bundes, der heute in Deutschland 13 000 Mitarbeiter in der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit beschäftigt, gilt bis heute als Glücksfall und gelungenes Beispiel für die Wiedereingliederung einer entwurzelten Generation in die Gesellschaft. Das Angebot, durch Arbeit und Schulung in einem der Lager die Entnazifizierung zu beschleunigen, nahmen viele ehemalige Mitarbeiter der Reichsjugendführung schon deswegen gerne an, weil sie auf diese Weise ihrer Inhaftierung entgingen. Auch Otto Würschinger, hoher Funktionär in der Hitlerjugend, nutzte die Gelegenheit und brachte es im IB in den fünfziger Jahren schließlich sogar zum Hauptgeschäftsführer. Die "Umerziehung" schien er allerdings schadlos überstanden zu haben. Noch 1979 dankte Würschinger in einem Buch den "Jungen und Mädeln, die ihr Leben für Deutschland gaben", und schwärmte von der HJ als einer Organisation, "die der jungen Generation Freiräume in ihrer Entwicklung gab".

Immer wieder wurde der IB mit seiner Gründungsgeschichte konfrontiert: So fragte Walter Jens schon kurz nach der Gründung des Bundes, wer eigentlich die vorgesetzte Behörde sei: die Militärregierung "oder die Reichsjugendführung"? Und noch 1957 wurde in Hessen der Verfassungsschutz aktiv, da der Verdacht bestand, die Verbandspositionen im IB seien "alle mit ehemaligen HJ-Führern besetzt".

Demnächst muß sich nun sogar ein Gericht mit der Gründungsgeschichte befassen. Vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht soll Anfang Dezember die Frage geklärt werden, ob der Hinweis erlaubt ist, der IB sei von "ehemaligen Nazis mitgegründet" worden. So jedenfalls hatte sich ein Betriebsrat des IB in Stuttgart gegenüber einer freien Mitarbeiterin geäußert, die stracks dem Leiter des Hauses davon berichtete. Alfred Benz, beim IB seit dreizehn Jahren beschäftigt und Mitglied im Betriebsrat, wurde daraufhin fristlos gekündigt.

Doch trotz massiver Proteste durch den Gesamtbetriebsrat hält der Vorstand des IB an der Kündigung fest. "Auf diese Weise", so schrieb der Vorsitzende der Geschäftsführung, Alexander Koch, an den Vorsitzenden der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Armin Claus, vor wenigen Tagen, könnten "die Gründungsumstände des IB einmal klargestellt werden".