Das Herz schlägt gegen Abend am schnellsten. Körpertemperatur und Atemfrequenz erreichen ihr Tageshoch am Nachmittag. Die Haut erneuert sich am stärksten um Mitternacht. Und die Blase füllt sich morgens am kräftigsten. Seit etwa fünfzig Jahren entdecken Biologen immer mehr Lebensvorgänge, die in tages-, mondphasenoder jahresperiodischen Zyklen schwingen. Doch an vielen Ärzten scheint dieses Wissen erstaunlich lange vorbeigegangen zu sein: Manche denken noch immer, der Therapieerfolg sei unabhängig von der Tageszeit. Und auch viele Pharmakologen halten es für besonders günstig, den Spiegel eines Medikaments im Blut 24 Stunden am Tag konstant zu halten.

Dabei profitieren manche Herz- und Krebspatienten, Asthmatiker, Rheumatiker und Magenkranke schon heute von den Erkenntnissen der Chronobiologie , wie die Wissenschaft der Biorhythmen genannt wird. Findige Pharmakologen untersuchten in den vergangenen Jahren, wie sich der Faktor Zeit auf die Medikation auswirkt, Ärzte hingegen richteten ihre Therapien nach der inneren Uhr aus. So entstanden zwei junge, eng miteinander verknüpfte Forschungsgebiete namens Chronopharmakologie und Chronotherapie.

"Die starren Dosierungsschemen von Medikamenten müssen neu überdacht werden. Denn auch die Wirkung von Arzneimitteln ist tageszeitabhängig", predigt schon seit Jahren Björn Lemmer, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg. Der engagierte Chronopharmakologe leitete unlängst die siebte internationale Konferenz seiner Zunft in Heidelberg. Dort stellte auch der französische Krebsarzt Francis Lévi seine erstaunlichen Ergebnisse vor. Vor wenigen Jahren folgte Lévi dem Beispiel einiger Kollegen und begann, die Chemotherapie von Krebspatienten auf deren innere Uhr abzustimmen. Das Ziel war hoch gesteckt: Von der "Anpassung der Medikation an tagesperiodische Rhythmen" erhoffte sich der Franzose vom Institut du Cancer et d'Immunologénétique in Villejuif bei Paris "eine Steigerung der Medikamentendosis und damit des therapeutischen Effekts".

Seine Hoffnung war berechtigt, wie die Ergebnisse mehrerer Studien an fast sechshundert Patienten zeigen, die Lévi jetzt in einem Fachartikel zusammenfaßt: Die Tagesdosis der getesteten Chemotherapeutika kann durch Chronotherapie um über dreißig Prozent erhöht werden - und das bei deutlich geringeren Nebenwirkungen. Im indirekten Vergleich mit herkömmlichen Verfahren - bislang bei Darm-, Lungen-, Brust- und Nierenkrebspatienten erprobt - sind die Chronotherapien um mindestens ein Fünftel wirksamer als tageszeitunabhängige Verfahren. Und Lévi betont: "Uns ist kein Fall bekannt, bei dem Chronotherapie weniger wirkungsvoll war als eine Standardtherapie mit dem gleichen Arzneimittel."

Noch überzeugender sind die Ergebnisse einer aktuellen Vergleichsstudie in Frankreich, Belgien und Italien. Die Hälfte von 278 Darmkrebspatienten erhielt Antikrebsmittel gleichmäßig, die andere Hälfte im speziell ausgetüftelten Tagesrhythmus dosiert. Starke Mundschleimhautentzündungen plagten bei der herkömmlichen Behandlungsmethode als häufigste Nebenwirkung 89 Prozent aller Patienten, bei der tageszeitabhängigen Dosierung sank die Zahl aller Entzündungen auf ein Neuntel. Gleichzeitig konnte die Tagesdosis der Zellgifte um ein gutes Fünftel erhöht werden, was den Behandlungserfolg - gemessen an der Größenabnahme der Tumore - im Mittel von 32 auf 53 Prozent verbesserte.

Die erfolgreich therapierten Krebspatienten werden es den ersten Chronobiologen danken, daß sie vor Jahrzehnten so scheinbar belanglosen Fragen nachgingen wie: Warum sterben die Mücken der Art Clunio tsushimensis nicht aus? Diese Tiere haben, nachdem sie geschlechtsreif aus der Puppe schlüpfen, nur noch so kurz zu leben, daß Männchen und Weibchen fast zeitgleich erwachsen werden müssen. Chronobiologen entdeckten, daß die Mücken ihr Rendezvous tatsächlich nicht dem Zufall überlassen, sondern den Schlupftermin per Biouhr koordinieren.