Alle zwei Wochen am Donnerstag ist Private Eye -Tag. Iain Campbell, der Maurer in unserem Dorf, läßt den lieben Gott einen guten Mann sein und sitzt den ganzen Nachmittag in die Lektüre vertieft - und immer wieder von stillen Kicheranfällen geschüttelt - in seinem verbeulten Lieferwagen. Hamish Sinclair kommt vom Fischen nach Hause und fährt schnurstracks zum Laden, um sich das satirische Magazin zu holen. Bei uns zu Hause verschwindet ein Familienmitglied nach dem anderen mit plötzlicher Verstopfung auf dem Klo, um dort mit der Zeitschrift seine Ruhe zu haben.

Die britische Presse wird mit der voranschreitenden "Murdochisierung", der gnadenlosen Kommerzialisierung im Sinne des australischen Medienmoguls, immer ungenießbarer. Eigentlich gibt es nur noch einen Grund, diese Zeitungen zu lesen. Wer sich nicht auf dem laufenden hält, versteht nur die Hälfte der Witze und Anspielungen in Private Eye. Da ist allerdings noch eine zweite Vorbedingung fürs zweiwöchentliche Vergnügen. Man muß lange genug im Land leben, um den eigenwilligen Humor der Zeitschrift schätzen zu können. Mir blieb es jahrelang ein Rätsel, was meine (britische) Frau an dem billig in Schwarzweiß produzierten Magazin so lustig fand. Bis auch mich die Sucht ergriff.

Private Eye ist eine britische Institution. Jede Seite eine für sich. In der Street of Shame etwa, der Schandstraße, wird die Heuchelei der Journalistenkollegen gnadenlos zur Schnecke gemacht. Ob es Gossenblätter sind oder die sogenannten Qualitätszeitungen, ob politisch links, liberal oder rechts - sie alle bekommen ihr Fett ab. Ganz besonders Typen wie Andrew Neill, ehemaliger Redakteur des Economist und dann als Chef der Sunday Times britischer Handlanger des weltweiten Murdoch-Imperiums. In der Daily Mail schreibt er außerdem noch eine Kolumne: "Andrew Neill - die kontroverse Stimme". Eine "optimistische Überschrift" sei das, so höhnt Private Eye und schimpft den Krauskopf einen "Brillo Pad". Das ist der Markenname seifengetränkter Stahlwollpölsterchen zum Ausscheuern von Kochtöpfen.

In seinen Tagen beim Economist pflegte "Brillo Pad" zornige Briefe an Journalisten abzufeuern, die aus dem respektierten Wirtschaftsmagazin abschrieben. Private Eye vergleicht in seiner jüngsten Ausgabe genüßlich eine Neill-Kolumne aus der Mail mit einem zuvor erschienenen Artikel im Economist. Die Ähnlichkeiten sind, um es milde auszudrücken, überwältigend.

Das Photo eines süffisant eine junge Dame anlüsternden Herrn, unverkennbar "Brillo Pad", erscheint in der "herzerwärmenden Kolumne" der "Marquesa" auf der nächsten Seite. Aus irgendeinem ihr nicht weiter bekannten Grund sei ihr diese charmante Aufnahme eines älteren Herrn mit der Bitte um Veröffentlichung zugeschickt worden, schreibt sie, die "Marquesa". Ein Wunsch, dem sie selbstverständlich gerne nachkomme.

Auf der Leserbriefseite taucht "Brillo Pad" erneut auf. Wie in fast jeder Ausgabe. Immer dasselbe, körnige Photos im Netzunterhemd mit einer spärlich bekleideten Tussi im Arm. Jedesmal auf Leserwunsch unter den abstrusesten Vorwänden erneut abgedruckt.

Daneben die ebenfalls fest verankerten "Portraits verblüffender Ähnlichkeiten". Zum Beispiel Madame Cézanne, die Gemahlin des Malers, und Peter Mandelson, der "legendäre" Kampagnenchef der Labour-Partei, ebenfalls ein Lieblingsobjekt für giftige Kommentare. "Sind sie etwa verwandt? Wir haben ein Recht, es zu erfahren", steht darunter. Eine mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingangene Wendung.

Um noch einmal auf die das Gesellschaftsmagazin Hallo! auf die Schippe nehmende, herzerwärmende Kolumne zurückzukommen: Sie ist jedesmal ein Höhepunkt. Schwärmerisch läßt die "Marquesa" sich über den "feinen, aufrechten Sir Nicholas Scott" aus - einen während des Parteitages betrunken im Straßengraben aufgefundenen Tory-Parlamentarier. Sie glorifiziert den "charmanten und geistreichen" Brian Malwhinney - den kalt-berechnenden Parteivorsitzenden der Konservativen. Oder sie stellt sich lobpreisend vor die "arme Fergiana" und vor "Princess Pushy".

Auf der Landwirtschaftsseite bespritzt der "Miststreuer" alle die mit Dung, die Bauern und Verbraucher übers Ohr hauen. Angefangen von der Maffia, dem verfremdeten Private Eye-Kürzel für das Landwirtschaftsministerium, über die subventionssüchtigen Verbände und den naiven Prinz Charles bis hin zu den ehrenwerten Herren der Presse, die mit Wahnsinnsgeschichten vom Rind ihre Auflagen aufplustern. Einmal fand ich an dieser Stelle einen mir aus der ZEIT stiebitzten Artikel - allerdings derart witzig gekürzt und gewürzt, daß ich ihn voll Neid las.

Unübertroffen sind auch die Fortsetzungsromane. Das geheime Tagebuch des John Major, 47 3/4 Jahre alt. "Montag: Heute war der vermutlich historisch bedeutungsvollste Tag seit letzter Woche. Ich habe in dem großen Rinderkrieg einen totalen Sieg errungen. Ich sagte zu meiner Frau Norman: ,Jetzt weiß ich, wie Sir Winston sich 1945 fühlte.' ,Du meinst, kurz bevor er die Wahlen verlor', antwortete sie, während sie die Käsereste in eine Plastikdose zusammenschabte für die Lasagne, die sie zum Besuch von Mr. Netanjahu kochen will . . ." Wie üblich hat Norma(n) ihn wieder einmal völlig mißverstanden.

Mr. Netanjahu hat gelegentlich seinen eigenen Platz im Blatt. Das Buch des Benjamin, Kapitel 94: "Und als der Tunnel unter den heiligen Stätten der Araf-iten gegraben war, betrachtete Benjamin sein Werk, und er sah, daß es gut war, und er sprach zu seinem Weib, das da hieß Sarah: Fürwahr, ich werde hingehen und eine lange Reise machen zu den Völkern der Welt, und ich werde ihnen verkünden, daß ich der Mann des Friedens bin.

So trug es sich zu, daß er nach Lon-din kam, und dort traf er den Führer der Brit-titen, der da hieß John, Bruder des Terry, Sohn des Major-Ball, des Zwergenmachers . . ."

In einem Exklusivartikel berichten die Archäologiekorrespondenten Howard Carter-Fuck und Tutankhamen-Callil - hinter jedem Namen verbirgt sich eine Anspielung - von der Entdeckung des ältesten Witzes der Welt. Er wird "auf über eine Million Jahre geschätzt und besteht aus unbeholfenen, unregelmäßigen Strichen, die einen auf einer Insel gestrandeten Mann darzustellen scheinen". Der Entdeckungsort: eine entlegene Ecke in Punch.

Punch war über ein Jahrhundert lang das prominenteste, englische Witzblatt. Geistreich, aber dabei immer respektabel und berühmt vor allem auch durch seine Karikaturen. Es ging in den achtziger Jahren ein und wurde gerade von dem - immer wieder in Private Eye aufs Korn genommenen - ägyptischen Besitzer des Londoner Nobelkaufhauses Harrods neu gegründet. Kaum eine ernsthafte Konkurrenz.

Der Private Eye-Humor ist reißerisch, blödelnd und auf hinterlistige Art komisch. Vor allem aber liest man in dem Magazin all die Geschichten, die andere Publikationen vornehm verschweigen. Fieses Gebaren von Bankiers und Konzernchefs, die Ränke und Intrigen in der City of London und die unaufrichtigen Schliche und windigen Doppelspiele der Politiker und ihrer speichelleckerischen Schranzen aus unserem eigenen Gewerbe. Die Enthüllungen trugen der Zeitschrift über die Jahre zahllose Verleumdungsklagen ein. Sie überstand bislang noch jedes Gerichtsverfahren mit Hilfe großzügiger Leserspenden. Denn jede Enthüllung ist nebenher auch ein großer Spaß. Und gegen Witz ist nun mal kein Kraut gewachsen.