Der Regisseur Luc Bondy, Experte für alle Affären des Herzens, hat es am einfachsten und schönsten gesagt: "Ich liebe alle Kritiker, die mich lieben!" Und weil die Kritiker den Regisseur Bondy fast immer lieben (und fast immer zu Recht), sind die Verhältnisse so heiter und entspannt, wie man nur wünschen kann.

Aber natürlich ist Bondy eine Ausnahme. Ein Glückskind der Theaterkunst und also ein Glücksfall für die Theaterkritik. So gut haben es nicht alle.

Zum Beispiel Peter Stein, einstmals auch ein führendes Liebesobjekt der Kritik. Das ist langlange her, und heute herrscht Krieg. Die "Kretins von der Presse" beschimpfte Stein kürzlich, als er in Hamburg den von der Zeitschrift Theater heute verliehenen Kortner-Preis entgegennahm - und so etwas wirkt immer stürmisch und charaktervoll. Wobei man Stein allerdings fragen könnte, ob es nicht noch charaktervoller gewesen wäre, einen Preis der Kretins samt Preisgeld erst gar nicht entgegenzunehmen.

Man könnte ihn fragen, eine Antwort bekäme man wohl kaum - denn Stein scheint sich völlig in die Rolle des Schimpfenden, des preußischen Rappelkopfs verliebt und verrannt zu haben. Er schimpft seit Jahren und schimpft mit jedem Jahr lauter - was ein sonderbarer Kontrast ist zu seiner Regiearbeit, aus der jede aggressive Phantasie längst entwichen ist, die sich in leerem Prunk und welker Schönheit zu erschöpfen droht.

Stein schimpft, wie nur einer schimpfen kann, dem man die ihm zustehende Liebe entzogen hat. Kaum aus Hamburg heimgekehrt, schimpfte er in Berlin gleich weiter. Auf sein altes Theater, die Schaubühne, das versteht sich. Aufs Berliner Ensemble. Und zuletzt auf ganz Berlin, die Stadt des "Kulturtodes", der er das Titanenwerk seines "Faust" nicht werde weihen können - eine Drohung, der schon am nächsten Tag das Dementi folgte.

Stein zetert: ein trauriger Fall, ein Absturz vom Theaterhimmel ins Hausmeisterfach. Doch Stein ist nicht allein. Die armen Kritiker in ihrem "Parkett-KZ" verhöhnt Kollege Frank Castorf - und erspart sich dabei die Frage, ob er nicht selber der Lagerdirektor ist. "Wir brauchen euch nicht!" ruft der Regisseur Matthias Hartmann den "Papis" der Theaterkritik heroisch entgegen, zur Eröffnung einer dieser ätzenden, saugenden Theaterdebatten der Süddeutschen Zeitung, Thema diesmal: "Kritik in der Krise?" Ein besonders kurioser Fall: Der Streber probt den Charakterkopf und Querulanten.

Thomas Bernhard (an ihn, seufz, müssen wir nun denken) war der König der Rüpel, der Weltmeister der Beschimpfungskunst - was wir heute bekümmert erleben, sind leider nur die Spiele der Regionalliga und Kreisklasse.

Natürlich war es immer so: Wer Liebe haben will und nicht bekommt, wird schwermütig oder schreit, und gewiß ist es besser zu schreien. Es war immer so, doch es wird auch immer schlimmer. Das Geschrei wird lauter, das Gefühl verstummt, längst ist der Dezibelwert der Akteure wichtiger als ihr Intelligenzquotient.

Beim täglichen Überlebenskampf um den besten Platz im Scheinwerferlicht kommt es zu den erstaunlichsten Metamorphosen. Aus gerade noch schüchternen Stotterern werden wüste Exhibitionisten, aus ehemals frischen Köpfen ranzige Entertainer. "Hier bin ich!" schreien alle. "Liebt mich doch! Ich bin doch nackt!" Doch man sollte nicht alle Offerten des Lebens (wie gräßlich oder auch rührend sie sein mögen) annehmen!

Vielleicht sollten die Papis und Mamis (und erst recht die Großeltern und Kinder) des kritischen Gewerbes einmal die Blickrichtung ändern. Hier ein paar erste, pastorenhafte Vorschläge, frei nach Brecht: Sucht die Verborgenen! Redet über die Schweigsamen! Schaut auf die Unsichtbaren! Und wenn die Schreier wieder schreien, dann sagt ihnen nur: Wir hören euch nicht!