Offensichtlich beunruhigt Ernst Robert Curtius die Romanisten auch noch vierzig Jahre nach seinem Tode. Wo die einen sich die Frage stellen, ob seine Forschungsweise obsolet geworden sei und durch neue, natürlich sinnvollere Methoden ersetzt werden müsse, interessieren sich andere weit mehr für seine politischen Überzeugungen, die, ebenso natürlich, seine gelehrte Arbeit und deren Brauchbarkeit für ein demokratischer gewordenes Fach und eine demokratischer gewordene Gesellschaft bedingten. Für die einen steht sein wissenschaftlicher Rang außer Frage, für die anderen wird er zum Götzenbild, zum Verräter an den Aufgaben der Romanistik, zum Verräter der Weimarer Republik, zum Anpasser, der sich nach 1945 als inneren Emigranten ausgegeben habe. Er wird auch zum Antisemiten.

Begonnen mit der Demontage hat vor etwa einem Vierteljahrhundert Michael Nerlich in einem langen Aufsatz über "Romanistik und Anti-Kommunismus", der sich vor allem mit Curtius und Vossler beschäftigte. Nerlich wollte eine andere Romanistik, so wie damals andere eine andere Germanistik wollten. Er griff das alte Fach dort an, wo es am empfindlichsten war, in seinen bürgerlichen Repräsentanten, die weder emigrieren mußten noch emigriert sind, den beiden, die jeder auf seine Weise nach dem Exodus das Fach beherrschten. Hielt man dieses Fach für "krank", dann war es sinnvoller, diese Krankheit nicht an den vielen Mitläufern und überzeugten Nazis aufzuzeigen, sondern an denen, die nach wie vor im Rufe standen, ihre Wissenschaft durch die braunen Pestjahre hindurch gerettet zu haben.

Gewiß gab es viele Gründe, Nerlichs Bild für entstellt zu halten, für zu einseitig gegründet auf seine Bewunderung für Werner Krauss, der nun wirklich ein Widerstandskämpfer gewesen und mit knapper Not dem Tode entgangen war. Zu denen, die damals für ihn eingetreten sind, gehörte auch Curtius. Was man Nerlich auf jeden Fall abnehmen mußte, war seine keineswegs opportunistisch gespielte Verzweiflung über das, was unsere Herrenmenschen angerichtet hatten. Das Unglück begann freilich mit einer unsäglichen Stellungnahme des damaligen Vorsitzenden des Deutschen Romanisten-Verbandes. Statt zuzugeben, daß es höchste Zeit sei, sich der braunen Geschichte und Vorgeschichte seines Faches zuzuwenden, sich Gedanken über das Frankreich-Bild der etablierten Romanistik zu machen, befand er, alles sei in Ordnung und für Nerlich sei in Wirklichkeit der Psychiater zuständig.

Danach hat sich Nerlich in eine Dauerfehde verwickelt, immer wieder neue Belege für seine Thesen vorgelegt, ohne allerdings in späteren Publikationen je wieder auf den Anti-Kommunismus oder auf Vossler zurückzukommen. Was diesen angeht, so genügt ein Blick auf die Samuel Usque gewidmeten Seiten in seiner "Poesie der Einsamkeit in Spanien" (1940), um seine wenigen Anpassungsakte für immer vergessen zu machen. Da Nerlich post festum den Widerstand wollte und an Krauss sah, daß er wenigstens dem möglich gewesen war, wollte er den radikalen Widerstand aller, ohne Rücksicht auf die realen Bedingungen der braunen Diktatur und ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen persönlichen Bedingungen derer, die keine Helden gewesen sind, auch, selbstverständlich, ohne Rücksicht darauf, daß niemand ein Held sein muß. Was dabei auf der Strecke blieb, war die Tatsache, daß viele Romanisten den Weg der bedingten oder unbedingten Anpassung gegangen waren, sich der schlechtesten aller Ideologien willig unterworfen hatten und am Ende Curtius als der eine an allem Schuldige übrigblieb. Aber war Curtius schuldig, war er all das, was Nerlich ihm immer wieder nachsagt?

Nerlich kehrt in Abständen, ein wenig obsessiv, zu diesem Thema zurück, zuletzt in der Frankfurter Rundschau, demnächst in den Romanischen Forschungen. Seine Vorwürfe lauten, Curtius sei ein Feind der Demokratie, Anhänger elitärer Führer-Vorstellungen, Antisemit und Feind des republikanischen Frankreich gewesen und habe sich nach 1933 mit einem Stab von SA- und SS-Mitarbeitern umgeben. Lediglich seine Apologeten redeten von den Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen sei. Viele dieser Vorwürfe stützen sich auf die Broschüre "Deutscher Geist in Gefahr", die man heute nicht ohne Unbehagen liest, jedenfalls dann, wenn einem Ton und Vokabular der zwanziger Jahre sehr fremd sind. Daß man sie auch ganz anders lesen kann, hat Dirk Hoeges "Kontroverse am Abgrund" gezeigt.

Daß Curtius ein Konservativer, auch ein Wertkonservativer war, läßt sich weder aus der Welt schaffen, noch ist das ein Verbrechen.

Ähnlich verhält es sich mit seinem elitären Denken und seiner Kritik an Weimar. Nur, wird einer, der ein Feind der Republik ist, 1932 einen Aufruf unterzeichnen, der zur Wahl Hindenburgs auffordert, um Hitler und Thälmann zu verhindern? Kann einer Hitler den Weg bereitet haben, der schreibt: "Manche hoffen auf eine Erneuerung unserer Bildung aus dem nationalen Gedanken heraus, aber sie vergessen, daß dieser Gedanke beschlagnahmt ist von radikalisierten Massen, deren nationale Gesinnung auf die primitive Formel des Judenhasses und des Rassenmythos gebracht werden kann."?