Lausiger Lachs

Wenn Metzger unreines Fleisch verkaufen, rückt ihnen die Ladenaufsicht auf die Pelle. Wenn Chemiewerke giftige Abwässer ins Meer schütten, kommen sie vor Gericht. Wenn Lachszüchter in Großbritannien verdorbene Fische verkaufen und das Meer vergiften, wird dagegen das Gesetz geändert.

Lachse? Das stellt man sich so schön vor. Zart, in würzigem Eichendampf geräucherter Edelfisch. "Scottish Smoked Salmon" steht auf den Verpackungen. Daneben das malerisches Bild einer reetgedeckten Fischerkate in einer stillen Bucht, in der ein hurtig springender Salm aus den klaren Fluten auftaucht. Leider hat das hübsche Bild nichts mit der Wirklichkeit gemein. Lachs züchten ist in kaum zwei Jahrzehnten vom Idyll zur Megaindustrie mit einem weltweiten Jahresausstoß von einer halben Million Tonnen angeschwollen.

Das ist zwar nur etwas über ein Prozent des Weltertrags an eßbaren Meeresfischen. Doch immerhin vier Prozent aller Seefische werden nur deshalb gefangen, um damit in Form pelletierten Fischmehls die Mäuler der Mastlachse zu stopfen.

Doch auf den Schuppen der in Netzkäfigen zusammengedrängten Fischleiber tun sich scharenweise die Seeläuse Lepeophtheirus salmonis und Caligus elongata gütlich, zerstören das Hautgewebe und schwächen die ohnehin schwächliche Widerstandskraft der Mästlinge. Zwar lassen sich die Läuse ohne Nebenwirkungen und umweltneutral durch gelegentliche Tauchbäder in Wasserstoffsuperoxyd vertreiben. Doch das alterprobte Bleichmittel erfordert in den Augen der kostenbewußten Lachsmäster zu viel Arbeitsaufwand. Darum greifen sie seit langem gerne zu Ivermectin.

Ivermectin ist ein von dem amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. entwickeltes Nervengift gegen so ziemlich alle Parasiten, die sich in Rinder-, Schaf- und Pferdeherden breitmachen. Im Fischfutter vermanschtes Ivermectin läßt auch die Läuse von den Lachsrücken purzeln, daß es eine Freude ist. Dennoch bemühte sich der Hersteller nie um eine Lizenz für eine derartige Verwendung. Denn auf jeder Packung steht, Behälter und Restmengen dürften keinesfalls in die Nähe von Wasserläufen gelangen, da das Gift "aquatische Organismen schädigen kann". Die Ausbreitungswege der stabilen und nichtwasserlöslichen Chemikalie im Meer entziehen sich jeder Kontrolle. Miesmuscheln wiesen in Versuchen nach sechs Tagen 750mal so hohe Konzentrationen wie das sie umgebende Wasser auf.

Doch so schön funktioniert das Entlausen der Lachse mit Ivermectin, daß manch ein millionenschwerer Fischzüchter nebenher eine kleine Schafherde als Alibi hält, um dem verbotenen Drogengebrauch ein Antlitz der Respektabilität zu verschaffen. Das Veterinäramt des britischen Landwirtschaftsministeriums hat in den vergangenen drei Jahren bereits in zehn Prozent der auf der Insel verkauften Lachse Ivermectin-Spuren entdeckt - das berichtet jedenfalls die jüngste Ausgabe der von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg herausgegebenen Informationen über die Fischwirtschaft des Auslandes. Doch auf den Britischen Inseln sieht man den Ivermectin-Einsatz offenbar als Kavaliersdelikt: Eine Fischzucht wurde verwarnt, eine zweite mit sage und schreibe 500 Pfund Sterling bestraft.

Doch damit nicht genug. Auf Druck der mächtigen Lachszüchtervereinigung machte jetzt das Umweltschutzamt aus der verbotenen auch noch flugs eine legale Droge. Die Chemofischfarmer dürfen Ivermectin fortan mit Genehmigung der Behörde nach Abschnitt 36(1)(a) des Control of Pollution Act von 1974 als "gewerbliche Abwässer" ins Meer schütten.

Lausiger Lachs

Steht uns nach dem Rinderwahnsinn BSE nun ein britischer Lachsskandal ins Haus? Der zwischen Rindern und Lachsen auf der Insel lebende Autor dieser Zeilen ist regelmäßigen ZEIT-Lesern als unbeirrter Liebhaber britischen Rindfleisches bekannt. Bei uns kommt nach wie vor Roastbeef oder silverside auf den Tisch. Aber Lachs aus den Zuchten? Damit würden wir nicht einmal unsere Katzen füttern.