Stuttgart

Nein, Stuttgarts Polizeipräsident ist kein Galileo Galilei, mit dem manche ihn verglichen haben. Er hat den Mächtigen wirklich nicht die Stirn geboten. Volker Haas hat nur seine Meinung zur Drogenpolitik gesagt, und die stimmt mit der seines Dienstherrn nicht überein. Haas muß jetzt schweigen.

Die Geschichte ist einmalig in Deutschland und hat sich so zugetragen: Seit Jahren kämpft der 59jährige Polizeichef hartnäckig dafür, in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg Fixerräume einzurichten und Heroin kontrolliert an langjährig Süchtige abzugeben. Das wollten die Regierenden von einem Staatsbediensteten schon früher nicht hören. Das erste Redeverbot wollte 1992 der damalige Innenminister Dietmar Schlee (CDU) erteilen. Es scheiterte am Koalitionspartner SPD. Haas verkündete weiter seine Ideen.

Im Wahlkampf um den Stuttgarter Oberbürgermeister trieb es der populäre Querdenker in diesem Herbst dann zu weit. Er trug seine Thesen auf einer Veranstaltung mit dem Grünen-Politiker Rezzo Schlauch vor. Die Union fürchtete um ihre Wahlchancen und bedrängte Innenminister Thomas Schäuble, den Abweichler zurechtzuweisen.

Mit Erfolg. Der kleine Bruder des großen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Wolfgang Schäuble, schickte sich an, ein "Machtwort" zu sprechen. Da aber kam ihm der maulkorberprobte Polizeipräsident mit einem, wie er es selbst nennt, "viel kultivierteren" Vorschlag zuvor. Um "jeden Loyalitätskonflikt" mit seinem obersten Dienstherrn zu vermeiden, verordnete sich Haas sein Schweigegelübde selbst.

"Freiwillig", wie er betont. Um nicht zur Feuerwehr zwangsversetzt zu werden, wie die Zeitungen schreiben.

Wirklich empört hat das in Baden-Württemberg niemanden. Kein Richter und kein Staatsanwalt, kein Bischof und kein Therapeut, nicht einmal Ex-OB Manfred Rommel sprangen ihm öffentlich bei. Als hätte er nicht jahrelang auch für "ihre" Drogenpolitik den Kopf hingehalten.