Erste Recherche: Im Jahre 1963 wird der junge Schauspieler Ulrich Wildgruber zum ersten Mal an ein Theater engagiert. Er kommt aus Bielefeld und ist vorher aus der Schauspielschule in Hamburg hinausgeflogen und hat danach in einer Buchhandlung einen Sonnenstrahl auf ein Buch über Wien fallen sehen. Er geht nach Wien. Er beendet das Max-Reinhardt-Seminar und kommt nach Basel. Seine erste große Rolle ist der Estragon von Beckett in "Warten auf Godot". Die Aufführung findet statt in der alten Spielstätte der Komödie in Basel, heute diese finstere Abstellkammer, in der Direktor und Dramaturg unter einem Baum Wildgruber beschwören. Es gibt einen schönen Satz, den Wildgruber damals bestimmt sehr sehnsüchtig in dieser Abstellkammer gesprochen haben muß. Estragon sagt: "Ich erinnere mich an die Karten vom Heiligen Land. Bunte Karten. Sehr schön. Das Tote Meer war blaßblau. Wenn ich nur hinguckte, hatte ich schon Durst. Ich sagte mir, da werden wir unsere Flitterwochen verbringen. Wir werden schwimmen. Wir werden glücklich sein."

33 Jahre später. Im Restaurant der Basler Kunsthalle. Zweite Recherche: Vor mir liegen übereinandergestapelte Bücher und Berichte. Ganz oben auf dem Stapel liegt ein Stück von Shakespeare und ganz unten die Memoiren des Regisseurs Peter Zadek und Schriften über Zadek mit Rollenanalysen der berühmten Aufführungen von "Hamlet", "Othello", "König Lear", alle dargestellt in der Titelrolle von Wildgruber.

In der Mitte des Stapels liegen die Schriften über die berühmten Wildgruber-Rollen Macbeth, Prospero, Zettel, Petruchio, Leontes und Beethoven und Kaspar Hauser von Handke und Franz Moor von Schiller, auch den Fiesco. Weiter oberhalb liegen Wildgrubers Ödipus von Sophokles, Puntila von Brecht und auch Baal, inszeniert von Hans Neuenfels, Alceste und Tartuffe von Moliere und der Danton von Büchner und so weiter und auch der Theatermacher von Bernhard sowie Ekdal von Ibsen und der Torquato Tasso von Goethe.

Ich bestelle noch ein Bier. Man brauchte jetzt bestimmt fünf übereinandergestapelte Biere, um ganz oben bei Richard III. von Shakespeare anzukommen.

Richard III. von Shakespeare ist Wildgrubers neueste Rolle. Morgen in Basel. Nach 33 Jahren.

Plötzlich geht die Tür auf und WILDGRUBER kommt herein. Er hängt den Mantel an einen Haken, bewegt einen gewaltigen Körper durch den Raum und setzt sich auf einen Stuhl. Bewegungslos. Er sieht aus wie ein Berg mit weißem Haupt. Er sitzt einfach da und starrt auf die gegenüberliegende Wand. Er ist blaß. Ich bin auch blaß.

Innerlich sehe ich mich aufspringen, die Hände in die Luft werfen und WILDGRUBER, WILDGRUBER rufen, aber äußerlich bin ich blaß und stülpe die Jacke über den Stapel mit den Schriften. Mein Gott, da sitzt man so vor diesem weltliterarischen Stapel, getürmt in 33 Jahren und das Ganze so unvergeßlich geatmet von einem Menschen, und plötzlich kommt dieser Mensch durch die Tür, setzt sich auf einen Stuhl, starrt bewegungslos an die Wand, und man selbst ist noch gar nicht vorbereitet.