LUDWIGSBURG. - Oberstaatsanwalt Alfred Streim hielt Daniel Goldhagen für einen netten jungen Mann. Einen, der wochenlang gewissenhaft Fahndungsakten in der Ludwigsburger Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen durcharbeitete, höflich Fragen stellte und genau so war, wie man sich einen jungen Harvard-Wissenschaftler vorstellt. Daß schließlich Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" über fünfzig Jahre nach Kriegsende das Land spektakulär entzweien würde, damit hatte der Leiter der größten NS-Fahndungsstelle der Welt nun nicht gerechnet. Ihm selbst hatte das Buch nicht einmal sonderlich gefallen. Trotzdem hat der junge Amerikaner genau das getan, was nach Streims Vision Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch einfach an der deutschen Vergangenheit interessierte junge und alte Menschen in der schwäbischen Kleinstadt künftig tun sollen: die gesammelten Hinweise, Zeugenaussagen und Beweise auswerten, die Namen der Mörder kundtun und das Verdrängen und Vergessen der nationalsozialistischen Vergangenheit durch öffentliche Diskussionen erschweren.

Über dreißig Jahre lang war Streim nationalsozialistischen Verbrechern auf der Spur. Seit 1984 war er Chef der Ludwigsburger Behörde, ohne die weder die Auschwitz-Prozesse noch das Majdanek-Verfahren möglich gewesen wären. Aber Streim war nie zufrieden, denn die Zentralstelle leitete zwar mehr als 7000 Vorermittlungsverfahren ein - oft Sammelfälle gegen ganze NS-Abteilungen -, die zu rund 14 000 Einzelverfahren bei den Staatsanwaltschaften führten, doch verurteilt wurden nur etwa 1300 Täter. Die 1958 viel zu spät gegründete Fahndungsstelle hatte eigentlich den Wettlauf mit der Zeit von Anfang an verloren. Resignation war Deutschlands oberstem NS-Fahnder fremd, aber selbst er räumte im April dieses Jahres ein: "Die Zeit läuft uns davon, es sterben ja immer mehr Leute."

Im August starb Alfred Streim, 64 Jahre alt, völlig unerwartet.

Er hinterließ einen Plan, der verhindern sollte, daß die rund 100 000 NS-Fahndungsakten nach dem absehbaren Ende der Ludwigsburger Ermittlungen in das Bundesarchiv Koblenz überführt werden, um - so fürchtete er - dort in einen Dornröschenschlaf zu versinken.

Über seinen dicken Zigarren träumte der nüchterne Norddeutsche von einem Institut zur Erforschung von NS-Gewaltverbrechen, einem Dokumentations- und Begegnungszentrum, in dem die Akten nicht nur wissenschaftlich bearbeitet, sondern in dessen Räumen auch Veranstaltungen stattfinden sollten. Dafür hatte er jahrelang vergeblich bei Politikern der Landesregierung in Stuttgart antichambriert und sich mit dem Bundesarchiv angelegt.

Warum die Akten weitaus besser in Ludwigsburg als im Bundesarchiv aufgehoben sind, erklärt der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Professor Wolfgang Benz: "Im Bundesarchiv dauert die Bearbeitung einer Anfrage vier Wochen. Wenn ich in Ludwigsburg anrufe, heißt es: ,Augenblick`, und dann kommt die Antwort."

Streims Plan scheiterte bislang am Geld, obwohl er für das zeitgeschichtliche Zentrum nicht mehr als die 2,3 Millionen Mark jährlich veranschlagte, die auch der Fahndungsstelle zur Verfügung stehen. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll scheint jetzt eine Möglichkeit zu sehen, posthum Streims Plan umzusetzen, allerdings in einer schwäbischen Sparvariante. Die Fahndungsstelle soll buchstäblich bis zum allerletzten Verfahren bestehenbleiben. Parallel zur Fahndung sollen die Vorbereitungen für ein zeithistorisches Institut anlaufen so viele Staatsanwälte gehen, so viele Historiker und Archivare könnten kommen, und zwar vom Bundesarchiv. Damit wären gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das an den Akten weiterhin interessierte Bundesarchiv bliebe eingebunden und würde die Gehälter für das historische Fachpersonal zahlen. Solange es NS-Fahndungsverfahren gibt - zur Zeit sind jährlich noch dreißig bis vierzig anhängig -, so lange sind die Justizressorts der Länder finanziell mit im Boot. Baden-Württembergs Haushaltskasse bliebe weitgehend unangetastet. Der Haken an dem schönen Konzept: Die Zentrale Stelle würde zu einer Außenstelle des Bundesarchivs.