Frage: Hat der Verleger Siegfried Unseld den Schriftsteller Uwe Johnson dazu erpreßt, ihm sein gesamtes Erbe zu vermachen?

Frage: Hat der Inhaber des Suhrkamp Verlags die finanzielle und psychische Notlage seines Autors, eines der bedeutendsten des Jahrhunderts, dazu benutzt, um die natürlichen Erben, nämlich Johnsons Gattin Elisabeth und die Tochter Katharina, kaltblütig auszumanövrieren, sich in den Besitz der Rechte zu bringen und nach außen den Anschein des selbstlosen Förderers zu erwecken?

Frage: Ist dem als überaus penibel eingeschätzten Johnson insoweit wenig zu trauen, als er, wenn es die Lage erzwang, mogelte und nicht nur sich selber, sondern auch die Mitwelt täuschte? Und war er, als er das Jahrhundertwerk der "Jahrestage" endlich abschloß, ein Opfer seiner eigenen Schwäche und von Unselds Stärke geworden?

Seltsame Fragen. Träfen die darin enthaltenen Vorwürfe zu, es wäre zweifellos ein Skandal. Treffen sie aber nicht zu, dann ist es skandalös, sie zu erheben. Der Verfasser der Schmähschrift "Uwe Johnsons Testamente oder: Wie der Suhrkamp Verlag Erbe wird" ist gewitzt genug, solche justitiablen Anschuldigungen nur anzudeuten, nahezulegen - und sich selber im übrigen zugute zu halten, er habe die "Legende" vom Dichterfreund Unseld und vom Wahrheitsfreund Johnson entlarvt.

Der Mann heißt Werner Gotzmann, ist Jahrgang 1955, promovierter Germanist, Mitglied der Grünen und war bis 1995 Kulturdezernent im Bezirk Wedding/Berlin. Dort traf er eines Abends die ihm bekannte Anwältin Dr. Simone Stach, die ihm erzählte, eine gewisse Elisabeth Johnson suche einen Mann des Vertrauens, der bereit sei, nach Durchsicht der Akten eines über drei Instanzen verlorenen Erbscheinverfahrens ihre Sicht der Dinge einer falsch informierten Öffentlichkeit zu unterbreiten. Gotzmann, dessen Amtszeit abgelaufen war und der zudem eine gewisse Politikmüdigkeit verspürte, nahm das Angebot an, las die Akten, sprach mit Elisabeth Johnson und verfaßte seinen Text, der eben im Berliner Kleinverlag Edition Lit. europe erschienen ist.

Manch einer kriegt ja schon Appetit, wenn er nur die Zutaten im Rezeptbuch liest. Ein berühmter Schriftsteller, sein plötzlicher und spät entdeckter Tod, ein kaum weniger berühmter Verleger, die trauernde Witwe nebst Tochter, eine schon früh bemunkelte Ehekrise, ein Erbfallstreit. Außerdem geht es um persönliche Briefe und Photos, um Schuldvorwürfe und Schuldeingeständnisse der bittersten, der banalsten Art, es geht um ein Haus an der Themse, es geht um Alkohol, Einsamkeit, Verzweiflung, Treuebruch und Geheimdienst. Das hat seinen Reiz.