Zunächst war es nur eine Affäre mit hohem Unterhaltungswert: Als Kostenkiller José Ignacio López, der Paradiesvogel und bekannteste Manager der Autobranche, vor mehr als dreieinhalb Jahren unter spektakulären Umständen von General Motors zu Volkswagen wechselte, galt die Abwerbung als gelungener Coup des eben erst installierten VW-Oberen Ferdinand Piëch. López, aus ähnlich hartem Holz wie Piëch geschnitzt, sollte an vorderster Front mithelfen, die verkrusteten Strukturen beim verlustreichen Wolfsburger Autohersteller aufzubrechen. Er übernahm das neugeschaffene Superressort für Einkauf und Produktoptimierung.

Dem Jobwechsel folgte ein schmutziger Krieg der Konzerne: Das größte Industrieunternehmen der Vereinigten Staaten und der Welt gegen den Autohersteller Nummer eins in Europa - eine derartige Konfrontation, die sogar Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks alarmierte, hatte es vorher nie gegeben. General Motors und die deutsche Tochter Opel sahen sich durch López und seine sieben "Krieger", die mit dem Spanier die Seiten wechselten, gleich kistenweise um extrem wichtige Geschäftsgeheimnisse erleichtert. Während Piëch und López wenig überzeugend so taten, als sei nichts gewesen, sannen die düpierten Amerikaner auf gerechte Rache und gaben ihren Juristen Zucker, viel Zucker.

In der dritten Phase nun ist ein Trauerspiel für die Wolfsburger daraus geworden, am deutlichsten an der Börse zu beobachten. Während die meisten Papiere, darunter auch die Autowerte Daimler-Benz und BMW, zum Wochenbeginn neue Höchstwerte erklommen, brachen die VW-Aktien ein. Die Börsianer waren von der puren Möglichkeit verschreckt, daß General Motors Schadenersatz in Höhe von mehreren Milliarden Mark fordert - solche Mutmaßungen waren in amerikanischen Zeitungen zu lesen. Den fruchtbaren Boden für diese Gerüchte hatten Piëch und sein Aufsichtsrat Klaus Liesen am Freitag vergangener Woche selbst bereitet - durch einen Opfergang, den sie beide noch vor kurzem kategorisch ausgeschlossen hatten. Sie trennten sich fristlos von dem Manager, den Piëch festhalten wollte, "solange ich lebe": López.

Um das Gesicht zu wahren und auch jede Art einer Schuldanerkenntnis zu vermeiden, behauptete Jurist Liesen zwar: "López ist nicht bei VW ausgeschieden, um eine Forderung von Opel zu erfüllen." Aber in Wahrheit gibt es keinen anderen Grund - auch wenn Piëch und Liesen mit ihren Kontrahenten bei General Motors ein merkwürdiges Spiel treiben. López ist ausgeschieden - aber ganz doch wieder nicht. Liesen: "Herr López hat erklärt, daß er in Deutschland eine Beraterfirma gründen will. Es wäre gut vorstellbar, daß VW auch zu seinem künftigen Kundenkreis gehört. Warum nicht?"

Eine Provokation besonderer Art leistete sich die VW-Spitze außerdem, als sie Garcia Sánz zum Nachfolger von López bestimmte, einen seiner "Krieger", die der Spanier von General Motors mitgebracht hat. Der 39jährige Sánz sitzt bereits im Vorstand der spanischen VW-Tochter Seat. Weil die Amerikaner ihn ebenfalls der Industriespionage beschuldigen, wird Volkswagen-Vorstand Klaus Kocks wohl recht haben, daß die Ernennung Sánz' im europäischen Hauptquartier von General Motors in Zürich "den Blutdruck hoch hält". Volkswagen-Vorstand Kocks, zuständig für Kommunikation, geht noch einen Schritt weiter. "Wir genießen die Lage", behauptet er, "und wir zeigen, daß wir selbst entscheiden."

Die Demonstration von Stärke dient in Wahrheit vor allem dem Zweck, bei einem Vergleich die besten Bedingungen herauszuholen. Für eine solche Verständigung sieht Aufsichtsratschef Liesen sogar dann Chancen, wenn zwischen den Konzernen kein Konsens über die Fakten zustande kommt. "Wir werden uns gegenseitig von dem für wahr gehaltenen Sachverhalt wahrscheinlich nicht überzeugen können", meint Liesen. Eine "vernünftige Lösung" könne es aber trotzdem geben.