Die Hamburger SPD glaubt ihm kein Wort, wenn er wieder einmal laut mit Rückzugsgedanken kokettiert. Er tut das öfter, meistens dann, wenn er "nicht mit den Wölfen heulen" will, sondern sich im Sinne Herbert Wehners verpflichtet fühlt, seine abweichende Meinung deutlich zu machen. Der Partei demonstriert er damit vor allem, daß das Erpressungspotential auf seiner Seite bleibt. Das macht sie nicht glücklicher.

Um so wohler fühlt sich die Wirtschaft mit Voscheraus Lust an der Wirklichkeit. Bei der Pflege der hanseatischen Außenhandelsbeziehungen macht er gute Figur. Sein juristisch geschärfter Verstand erfreut die Genießer ebenso wie sein rednerisches Talent. Mit seinen Ansprachen macht er sich persönlich Mühe, nimmt sich Zeit und gräbt in seinen Erinnerungen. Wenn es sich um Feiern handelt, gelingt es ihm oft, "etwas Hübsches daraus machen". Bei Trauerfällen findet er einen einfühlsamen persönlichen Ton. Nicht von ungefähr wurde die Bundes-SPD l990 beim Staatsakt für Herbert Wehner zum ersten Mal auf den damals überregional noch unbeschriebenen Hamburger Bürgermeister aufmerksam. In seiner Ansprache auf den Hamburger Ehrenbürger bot er seinen prominenten Vorrednern ohne Anstrengung pari. "Da gibt es ja noch jemanden", hieß es hinterher unter Genossen.

Voscherau dosiert seine Bundesauftritte sparsam. Anders als die Ministerpräsidenten der Flächenstaaten, die in ihrem Land kaum mehr als eine koordinierende Funktion haben und sich deshalb gern ein Betätigungsfeld im Bund suchen, sind die Chefs von Stadtstaaten Heimwerker. "Ich bin Oberstadtdirektor, Oberbürgermeister und Ministerpräsident für eine Bevölkerung von 1,7 Millionen", sagt Voscherau. "Wenn ich versuche, bürgernah, stadtteilnah, betriebsnah und gewerkschaftsnah zu sein, ist das sehr viel Arbeit." Einen "Höllenjob" findet das der Verfassungsrechtler und CDU-Bundestagsabgeordnete Rupert Scholz, der nach der Einheit zusammen mit Voscherau der Verfassungskommission vorsaß und gemeinsam mit ihm versuchte, in der Frage der Länderneugliederung "Beton zu bewegen", ohne Erfolg. "Aber den Mann von Statur haben alle erkannt", sagt Scholz.

Auch im Bundesrat wird er wahrgenommen. Voscherau gilt als ein Länderchef, der nicht nur seine Fachminister schickt, sondern selber Präsenz zeigt. Von den politischen Schwergewichten unter den Ministerpräsidenten wird diese Ebene kaum genutzt - Johannes Rau hat sich zurückgezogen, Gerhard Schröder kommt selten, Oskar Lafontaine delegiert, seit er Parteivorsitzender ist.

Schon l994 hatte Johannes Rau dem Parteivorstand vorgeschlagen, Voscherau zu seinem Nachfolger im Vermittlungsausschuß zu machen. Aber Gerhard Schröder protestierte und erklärte jede Zusammenarbeit mit Voscherau für beendet - ob aus Daffke oder aus Interesse an eigener politischer Profilierungssucht, keiner wußte es. Um den Streit zu schlichten, übernahm Lafontaine als Dienstältester den Vorsitz und übertrug ihn in diesem Frühjahr ohne weitere Diskussionen an Voscherau. "Der Hamburger ist zuverlässig", heißt es im Bonner Ollenhauerhaus lakonisch, "für Oskar ist das eine ganz neue Erfahrung." Zwar können Voscherau und Lafontaine vom Temperament her keine Freunde fürs Leben sein, doch sind beide gute Analytiker, denken schnell und präzise und sind mit den Details vertraut. Das erleichtert ihre Kooperation und schafft Vertrauen.

Vertrauen wird ihm auch von der SPD-Bundestagsfraktion entgegengebracht. Darin fühlten sich alle Beteiligten bestätigt, als Voscherau in der Bundestagsdebatte über das Jahressteuergesetz Anfang November von sich aus den Fachabgeordneten der Fraktion am Rednerpult den Vortritt ließ. Er hätte reden sollen, tagelang hatte Peter Struck, der Fraktionsgeschäftsführer, hinter ihm hertelephoniert. Schließlich willigte Voscherau auch ein, obwohl ihm klar war, daß darauf kein Segen ruhte: "Die Fraktionsmitglieder hassen es, wenn bei einer großen Debatte die Ministerpräsidenten einschweben und ihnen die Schau stehlen." Als die Signale von Frust und Ärger, die ihn aus der Fraktion erreichten, deutlicher wurden, entschloß er sich zum Rückzug, setzte sich aber "scheinbar demütig" auf die Bundesratsbank und hörte zu. Es gab Abgeordnete, die dieses demonstrative "Zeichen des Zusammenhalts" dankbar vermerkten. Als alter Fahrensmann bemerkte Peter Struck aber auch die Impertinenz. "Willst du uns ärgern?" fragte er. "Ja", antwortete Voscherau und lächelte so fein, wie es seine Art ist, wenn die Spielernatur mit ihm durchgeht. Seinem ausgeprägten Gefühl für die Kleiderordnung widerstrebte das Stück, er fand es "nicht unter Erwachsenen".