Doch am meisten leiden immer noch die Modernisierer unter ihm. In den wilden Jahren gehörten die Hamburger Sozialdemokraten zur Vorhut der Reformkräfte. Inzwischen sind sie in die Jahre gekommen, die Partei ist muffig geworden, ihre Mitgliederstruktur vom öffentlichen Dienst geprägt. "Es ist nicht mehr lustvoll, in der SPD zu sein", trauert Hans-Ulrich Klose, Hamburger Bürgermeister in den glorreichen Jahren, der alten Zeit hinterher. Aber als Großstadtpartei ist die SPD in Hamburg besser gefahren als viele andere. Bis zur Spaltung wie in Berlin, Frankfurt oder München hat sie es nie kommen lassen. Das verdankt sie auch einem klugen Parteichef wie Jörg Kuhbier, der seine Partei vor "eingeschränkter Wirklichkeitswahrnehmung" warnt. Aber hilfreich war auch die ständige Auseinandersetzung mit dem Bürgermeister, der ausgeprägte Überzeugungen von dem hat, was der Stadt nützt und was sie braucht. Die Vorstellung von einer rotgrünen Koalition, der Wunschtraum vieler Hamburger Sozialdemokraten, gehört nicht dazu. Da ist er "für ehrliche Offenheit".

Zwar hat er sich nach einigem Zieren bereit erklärt, bei der Wahl im kommenden Jahr wieder als Bürgermeister zu kandidieren; auch auf eine rotgrüne Koalition auf Zeit würde er sich einlassen, falls die Sache es verträgt. Bei aller Abneigung muß er Rücksicht nehmen auf die Machtperspektiven seiner Partei bei den Bundestagswahlen - auf seine "Bundestreue" ist in jeder Hinsicht Verlaß. Aber wenn er das Gefühl hätte, von den eigenen Leuten getrieben zu werden, nein, "nicht mit mir" - spricht der Notar.

Ist das eine Drohung? Wer die Hamburger Verhältnisse kennt, schwört darauf, daß Henning Voscherau irgendwann nach Bonn abwandern wird. "Bis 1998 muß er noch im Amt bleiben", konstatiert Krista Sager kühl, die Spitzenkandidatin der Grünen in der Hansestadt, "zwei Jahre Rot-Grün muß er durchstehen." Danach entscheiden die Bundestagswahlen über seine Chancen auf Bonner Parkett. Niemand mag glauben, daß sein Ehrgeiz für einen Kabinettsposten in einer großen Koalition nicht ausreichen würde. Als Innen-, Finanz- oder Verteidigungsminister ist er allemal vorstellbar. Seiner Spielernatur sind solche Spekulationen indessen ein Greuel. Sie unterstellen eine Abhängigkeit von der Droge Macht, die der Notar als Zumutung empfindet.

Vom Alter her gehört Voscherau der Generation der 68er an, aber zu verwechseln ist er nicht mit den 68ern. Leidenschaftlich Grenzen zu überschreiten war keine Versuchung für ihn, die Revolution hat ihn nie gereizt, er wurde lieber ein leidenschaftlicher Jurist. Auch zu Willy Brandts Enkeln zählte er nicht, er war immer Helmut Schmidts Neffe. Auf dem Kölner SPD-Parteitag l983, im Jahr nach der Bonner Wende, war er einer der vierzehn Delegierten, die für den Nato-Doppelbeschluß stimmten und für die Fortsetzung von Helmut Schmidts Kurs in der Außen- und Sicherheitspolitik - "ein Guillotineparteitag" ist das für ihn auch in der Erinnerung noch geblieben. "Danach hatte ich kein Bedürfnis mehr, mich in die Gruppe der Willy-Enkel ziehen zu lassen." Aber bis zum Bruch ließ er es nicht kommen.

"Das ist lange her", sagt der Bürgermeister nüchtern und setzt im O-Ton von Schmidts Neffen hinzu: "Die sind älter geworden und haben dazugelernt." Nein, ein versöhnliches Temperament ist er nicht. Doch die "Enkel" sind zu erschöpft, um sich darüber noch zu ärgern.