Darüber muß man sich klar sein: Potsdam, wie es sich so prächtig und so traulich in alten Bildbänden zeigt, ist dahin. Im Kranz der Schlösser und der Gärten ringsum ist es noch immer traumhaft schön, im Stadtinnern aber voller ramponierter Bilder, die einen frösteln machen. Selbst wenn die Stadt sich nervös in das Abenteuer flüchten sollte, das ehemalige Stadtschloß am Alten Markt noch einmal "so, wie es war", oder wenigstens als barocke Fassade in die Gegenwart zu nötigen auch wenn man den stockkonservativen Alten Kameraden den Gefallen täte, für das von ihnen schon gespendete "Üb immer Treu und Redlichkeits"-Glockenspiel den Garnisonskirchturm tatsächlich nachzubauen oder die Dummheit der sechziger Jahre zu revidieren und den Stadtkanal wieder zu öffnen - selbst dann wird Potsdam niemals wieder, wie es war. Dazu hat es die Stadt viel zu heftig getroffen.

Das geschah zum erstenmal, als britische Bomber nur drei Wochen vor Kriegsende ausgerechnet den prominentesten Altstadtbezirk zerstörten. Es geschah zum zweitenmal, als die DDR-Sozialisten, obwohl sie schon angefangen hatten, die barocke Stadt vorsichtig im alten Maßstab und in den alten Konturen wiederzuerrichten, plötzlich ihre Ideologie ausspielten und dem Stadtgefüge den Rest gaben: mit ihren breiten "Magistralen", die sie durch die ruinierte Stadt brachen, mit den Plattenriegeln und -hochhäusern, die sie in die alte Stadt setzten und damit die einst bedacht komponierten, lange beherzigten Sichtachsen brachial verbau ten: Sozialismus rein, Preußen raus. Was Wunder, daß diese historische Hypothek auf jeder noch so hoffnungsvoll gemeinten baupolitischen Handlung lastet und selbst vernünftige Leute zu bissigen Stadtneurotikern macht.

Das Fieber, das das Projekt mit dem unsäglichen Namen Potsdam Center an dem der Altstadt gegenüberliegenden Havelufer ausgelöst hat, schoß plötzlich in die Höhe, als die Unesco drohte, die als "Weltkulturerbe" geschützten Schlösser und Gärten auf ihre "Rote Liste" der gefährdeten Denkmale zu setzen. Der Präsident des Welterbekomitees, Horst Winkelmann, verstieg sich zu der absonderlichen Behauptung, Projekte wie das Potsdam Center legten sich "wie ein Würgegriff" um die Schlösser und Gärten die Stadtpolitiker seien mit der Aufgabe, ihr Kulturgut zu pflegen, "hoffnungslos überfordert".

Dazu paßte dann die lächerliche Devise, die der um ein Gutachten gebetene Deutsche Rat für Landespflege ausgab, Potsdam habe nur eine Wahl: "Seine Zukunft liegt in der Vergangenheit."

Unterdessen hat das Komitee neuerlich getagt, hat die Drohung zwar nicht zurückgenommen, aber Potsdam eine Frist für die Korrektur bis Ende April gegeben. Die seltsame Behauptung lautet, das am Bahnhof projektierte Potsdam Center störe die als Weltkulturerbe geschützte Schlösser- und Gartenlandschaft - obwohl sie weit entfernt im Norden und im Osten einen großen Bogen um die Stadt schlägt, von hier mit keinem Blick mehr erhascht werden kann. Die Kritik aber deckte sich mit der Ansicht einer sehr aktiven Aktionsgemeinschaft, deren Sprecherin die Stadtverordnete Saskia Hüneke von Bündnis 90/Die Grünen (und Angestellte der Preußischen Stiftung Schlösser und Gärten) ist, mit der der Denkmalpflege und der Stiftung ohnehin.

So wirkte die Nachricht einigermaßen verblüffend, daß die Unesco-Kommission nach einem Besuch Potsdams Anfang Dezember auf einmal "positiv vom Zustand der Stadt" überrascht gewesen sei, daß sie gegen alle Erwartung nichts wirklich Böses am Potsdam Center habe ausmachen können. Der Tagesspiegel notierte: ". . . das geplante Potsdam Center hielten die Delegierten keineswegs für Anschläge auf die Kulturlandschaft". Und auch die mißliebig verfolgten Planungen auf dem riesigen Militärgelände des Bornstedter Feldes im Norden der Stadt bedrohe die Kulturlandschaft "durchaus nicht", kleine Korrekturen vorausgesetzt. Also stünden die Zeichen gut für eine namentlich von den Denkmal- und Landschaftspflegern gewünschte "Erweiterung des Geländes, das die Unesco vor fünf Jahren als ,Welterbe` registriert hat": von Sanssouci im Westen bis zur Pfaueninsel im Osten.

Wie auch: Eine Meisterleistung der Planung ebenso wie der Planungsprozedur ist das Potsdam Center weiß Gott nicht. Wie üblich bei derlei Projekten, war seine Idee ein Geschöpf blanker wirtschaftlicher Überlegungen, die der Eigentümer des jahrzehntelang brachliegenden und schließlich verlotterten Geländes angestellt hat. Das ist nicht mehr die Deutsche Bundesbahn, die sich erst spät solche Verwertungsoperationen anzugewöhnen begann, sondern die private Deutsche Bahn AG. Und so wie sie ihre Besitztümer in Stuttgart, Leipzig und sonstwo zu vermarkten sucht, sah sie auch in Potsdam eine finanzielle Verlockung.