BERLIN. - Die Salondamen treten ab. Dieser Tage lugen sie noch einmal Seite an Seite aus goldgeschwungenen Bilderrahmen und von handgemalten Plakaten von allen Wänden auf die Besucher. Suse und Iris in Uniform, im plüschigen Ambiente schwerer Samtvorhänge, grün und rot auf meterhohem Fahnenstoff. "Bella Ciao", die letzte Ausstellung in dem kleinen Berliner Damensalon, ist eine Hommage an die Gründerinnen des "Boudoirs". "Ein etwas wehmütiges bye-bye" nennt es der Photograph Rinaldo Hopf. "Das ,Boudoir`", seufzt er, "war wie ein guter Freund."

Berlin-Mitte, Brunnenstraße 192, tief im zweiten Hinterhof. 1992 machen Suse Eichinger und Iris Schmied, damals noch im Trio mit der Galeristin Lena Braun, das Vorzimmer einer Dame zum öffentlichen Raum. "Boudoir" nennen sie ihr Projekt, in Analogie zu den kleinen Damenzimmern im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Das Vorzimmer zum Schlafzimmer einer Dame, dort wo intime Gespräche geführt werden, nicht so intim freilich wie im Schlafzimmer selbst. Ein Raum, der zum Parlieren einlädt. "Wir wollten die Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts wiederbeleben und mit dem Lebensgefühl der zwanziger Jahre, dieser Phantasie von kreativer Verruchtheit, verbinden", erzählt Suse Eichinger. "Wir waren zwar nicht reich wie einst die Musen, die sich in ihrem Salon Kurzweil verschafften.

Als Musen verstanden wir uns trotzdem. Wir waren die Vorzimmerdamen der Kunst, ein Off-Salon."

Ein riesiges, plüschiges Himmelbett, angefertigt vom Designer um die Ecke, verlieh dem Salon den intimen Kick. Da konnten sich die Gäste in die Federn sinken lassen. Und im Ambiente der Atelierpartys, Performances, Ausstellungen taten sie es tatsächlich.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Lena Braun hatte Suse Eichinger zuvor schon andere Kunstprojekte auf die Beine gestellt. Die Galerie "Bichette" zum Beispiel war ein Forum für Kunsthappenings. Nach der Wende gingen die beiden in den Ostteil der Stadt, um etwas Neues aufzuziehen. Kabarett sollte es sein. Und im Osten waren die Mieten niedriger. Auf der Suche nach einer geeigneten Location stießen sie auf die Loftetagen einer ehemaligen Seifenfabrik im alten Zentrum. Zweieinhalb Etagen, vollgestopft mit Stahlkesseln zum Seifekochen. Den Winter über entrümpelten, renovierten, strichen und pinselten Suse und Lena, bis die Farbe an den Wänden gefror - und sie auf Iris Schmied stießen, die gerade ihrem Betriebswirtschaftsstudium in Stuttgart den Rücken gekehrt und sich auf die Suche nach Kunst, Kultur und Kreativität "ratz, fatz aus dem Schwäbischen nach Berlin" gemacht hatte. Doch für das Kabarett wurden die Subventionen gestrichen, der Versuch, in den Fabriketagen einen der ersten Technoläden im Osten aufzumachen, scheiterte. Dann kam das "Boudoir". Lust an der Selbstinszenierung war von Anfang an Programm. Gestylt, möglichst mondän, immer irgendwie schräg, luden die drei Salondamen zum Empfang. Eine Prise Club, ein bißchen Barbetrieb, ein wenig Atelierparty, Galerie und Kunsthappening - der Treff, der sich nirgendwo richtig einordnen ließ und doch von allem ein bißchen hatte, wurde ein Erfolg. Man sah sich, traf sich, plauderte, hingesunken ins Plumeau unterm Baldachin.

Und doch: "Die Leute haben das Bett oft falsch verstanden", sagt die 28jährige Iris. "Manche haben gedacht, das Bett sei sexuell gemeint. Dabei ging es um Sinnlichkeit in der Kunst."

1994 hatte sich das Projekt bis nach New York herumgesprochen.