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Nein, den Friedensnobelpreis hat er nun nicht bekommen. Ludwig Baumann, Deutschlands bekanntester Deserteur, lächelt fein. Wäre dieser Vorschlag einer Potsdamer Initiative durchgedrungen - mehr als eine Geste war es nicht -, dann hätte sich die Stahlhelm-Riege der CDU/CSU im Bundestag nicht länger querlegen können, wenn über eine Rehabilitierung der wenigen noch lebenden Opfer einer blutrünstigen Wehrmachtjustiz debattiert wird. Mit ihrer Begründung hatten die Potsdamer allemal recht: Es wäre "ein einfacher Mensch" geehrt worden, "dessen Lebensweg bestätigt, daß sich jeder gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Völkermord zur Wehr setzen kann".

Immerhin, zwei Friedenspreise - den Sieveshäuser und den (alternativen) Aachener - hat dieser in Bremen wohnende "Hamburger Jung" bereits empfangen. Auch zum Zeichen, daß der vielgerühmte Hanseatengeist nicht nur bei Senatoren, Bankiers, Reedern, Kaufleuten anzutreffen ist, sondern ebenso bei den kleinen Leuten.

Der eher zierliche Mann, dessen Lebendigkeit die Frage nach seinem Alter gar nicht erst aufkommen läßt, wirkt nordisch kühl, beherrscht, fast unbeteiligt, wenn er in Schulen und Akademien von seinen schrecklichen Kriegserlebnissen erzählt. Aber die gewollte Sachlichkeit ist nur der Schutzmantel einer empfindsamen Seele. Zehn Monate in der Todeszelle des Kriegswehrmachtgefängnisses Bordeaux sind Baumann zum lebenslangen Trauma geworden. Auch jetzt noch suchen ihn Alpträume heim, und es ist stets die gleiche Szene: "Ich bin zwar begnadigt, und trotzdem holen sie mich zum Erschießen ab."

Der Schlaf floh ihn schon als Kind, wenn ihm wundersame und schreckliche Ereignisse des Tages durch den Kopf gingen. Sein Vater, der aus ärmsten Verhältnissen zum Tabakgroßhändler aufgestiegen war, achtete streng darauf, daß sein einziger Sohn es ebenfalls zu etwas bringe.

Doch mit den schulischen Leistungen haperte es, mochte sich die liebevolle Mutter noch so sehr mühen. Was weder Lehrer noch Eltern wußten: Das scheinbar dickfellige Kind war Legastheniker. Mit vierzehn begann Ludwig Baumann eine Maurerlehre, mit fünfzehn verlor er seine Mutter, als er sie am meisten gebraucht hätte, mit neunzehn, bei Kriegsanfang, holte ihn die Kriegsmarine.

Zu jenen Jünglingen, die begeistert ins Feld zogen, zählte er nicht. Der Vater hatte - im November 1932 - einmal die Nazis gewählt und es rasch bereut. Sein Sohn wurde von der Hitlerjugend bedrängt, sich ihr anzuschließen, aber er widerstand. Er war nicht aus dem Holze, aus dem man Soldaten schnitzt. Den Vorgesetzten fiel er gleich unangenehm auf, als er sich weigerte, ihre Stiefel zu putzen. Sie rächten sich mit brutalem Strafexerzieren und Wacheschieben.

Nach der Besetzung Frankreichs wurde Baumann einer Hafenkompanie in Bordeaux zugewiesen. "Dort traf ich auf Weggefährten, die ähnlich dachten wie ich." Mit seinem Freund Kurt Oldenburg beschloß er im Frühjahr 1942, ins unbesetzte Vichy-Frankreich zu fliehen.

Irgendwie wollten sie über Marokko dorthin auswandern, wo die große Freiheit winkte: Amerika!

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Über die Motive der Fahnenflucht hat Baumann oft nachgedacht.

An eine Begebenheit kann er sich noch genau erinnern. Als sie in der Wochenschau die Bilder vom Winterkrieg in Rußland und von der Wollsachensammlung für die deutschen Krieger sahen, fiel ihm als erstes ein, daß nun die Millionen von russischen Kriegsgefangenen auf freiem Feld bei minus vierzig Grad erfrören. Da mochte er nicht länger mittun.

Französische Freunde brachten die Fahnenflüchtigen zur Demarkationslinie.

Dort wurden die beiden von einer Zollstreife erwischt. Obwohl sie sich zuvor aus der Waffenkammer Pistolen besorgt hatten, wagten sie es nicht, sich freizuschießen. Baumann: "Wir konnten einfach keine Menschen töten!"

Beide wurden zum Tode durch Erschießen verurteilt. Mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt, warteten sie in Einzelzellen auf die Exekution. Jeden Morgen bei der Wachablösung durchfuhr sie der Schreck: Jetzt kommen sie . . . Erst nach zehn Monaten, vor dem Abtransport ins berüchtigte Moorlager Esterwegen, wurde dem Matrosengefreiten Baumann mitgeteilt, daß ihn der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bereits nach sieben Wochen zu zwölf Jahren Zuchthaus begnadigt hatte. Den Gnadenakt verdankte Baumann seinem Vater: Der Großkaufmann kannte einen Geschäftspartner, der mit Großadmiral Raeder befreundet war.

Wie üblich, blieb die Zuchthausstrafe für die Dauer des Krieges ausgesetzt. Die beiden Kameraden gelangten, nach mehreren KZ-Stationen, ins Wehrmachtgefängnis Torgau, wo fast täglich deutsche Soldaten hingerichtet wurden. Hier bereitete man sie auf ihren Einsatz im Strafbataillon 500 vor, einem Todeskommando, das die wenigsten überlebten, auch Baumanns Freund nicht. Er selber wurde 1944 in der Südukraine verwundet und hatte das Glück, daß im Lazarett Brünn ein tschechischer Arzt die Heilung bis zum Kriegsende hinauszögerte.

Weihnachten 1945 war Baumann wieder zu Hause. Aber mit dem Leben kam er nun nicht mehr zurecht, zumal der Vater, der sich über das Schicksal seines Sohnes grämte, schon bald starb. Der Heimkehrer fühlte sich einsam und verlassen. Deserteure wurden als "Feiglinge", "Dreckschweine" und "Verräter" verachtet und beschimpft. Nicht einmal der VVN, der sich um die Verfolgten des Naziregimes kümmerte, wollte von ihnen etwas wissen. Ludwig Baumann versuchte, das Grauen in der Todeszelle und später an der Front zu verdrängen, und ergab sich dem Alkohol.

In Bremen lernte er dann seine Frau kennen mehr recht als schlecht schlug er sich als Handelsvertreter durch. Bei der Geburt des sechsten Kindes starb die Frau. Dieser Schicksalsschlag brachte Baumann zur Umkehr in seiner Lebensführung. Er befreite sich von seiner Sucht, entschloß sich, seine Kinder allein aufzuziehen und ersparte ihnen so das Heim.

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In den achtziger Jahren engagierte er sich in einer Dritte-Welt-Gruppe und in der Friedensbewegung. Den Bremern wurde der Mann bald vertraut, der im Kaufgetümmel der langen Samstage mit einem Plakat an die Hungernden der südlichen Hemisphäre erinnerte und alle Vierteljahr auf dem Bahnhof die jungen Rekruten vor ihrer Abfahrt in die Kaserne ermahnte: "Laßt euch nicht mißbrauchen! Beruft euch auf das Grundgesetz!"

Doch seine eigentliche Lebensaufgabe stand ihm noch bevor. Auf einmal wurden die Deserteure, nicht zuletzt dank neuer historischer Erkenntnisse, zu einem öffentlichen Thema man errichtete ihnen sogar Denkmale. Jetzt kamen auch die Fakten auf den Tisch: 30.000 Todesurteile allein gegen Deserteure, davon mehr als 25.000 vollstreckt.

Von denen, die nicht hingerichtet wurden, haben kaum 4000 KZ-Haft und Strafbataillon überstanden. Etwa 200 leben noch und gelten bis zum heutigen Tage als vorbestraft!

Im Herbst 1990 gründete Baumann mit 36 alten Männern - "fast alle arm, fast alle gebrechlich" - die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V., der ein wissenschaftlicher Beirat zugeordnet wurde. Seither ist er als Handlungsreisender in Sachen Wiedergutmachung unterwegs. Den vielen Einladungen zu Vorträgen, Gedenkveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und den Interviewwünschen in- und ausländischer Medien kann er kaum noch nachkommen. Die Ansprechpartner im Bundestag und in den Behörden lernten seine Beharrlichkeit schätzen oder fürchten.

Beachtliches ist schon bewirkt worden. Bahnbrechend für ein neues Denken war das Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts vom 11. September 1991, das den Hinterbliebenen hingerichteter Soldaten eine Entschädigung zusprach. In der Rentenversicherung werden künftig die Strafhaftzeiten der Deserteure, "Wehrkraftzersetzer", Selbstverstümmler und Kriegsdienstverweigerer angerechnet. Wegweisend für den Gesetzgeber ist ein Satz im BSG-Urteil: Zu entschädigen seien "gleichermaßen Widerstandskämpfer, unpolitische Menschen, auch ,Feiglinge` und treue Gefolgsleute in einem völkerrechtswidrigen Krieg".

Das schönste Geburtstagsgeschenk - Ludwig Baumann wird am 13. Dezember 75 Jahre alt - bereitet dem Mann, der schon so lange um Rehabilitierung kämpft, die Justizministerin von Sachsen-Anhalt, Karin Schubert. Sie hat im Bundesrat einen nach allen Seiten abgefederten Gesetzentwurf eingebracht, der die pauschale Aufhebung der Unrechtsurteile und eine einmalige Entschädigung von je 7500 Mark vorsieht.

Wie auch immer die Sache ausgeht, Ludwig Baumann wird weiter dafür kämpfen, "daß wir Menschen uns nicht gegenseitig umbringen".