Noch hat die Geschichte ihr letztes Wort zum Verhältnis Frankreich - Algerien nicht gesprochen. Seit 34 Jahren ist Algerien unabhängig, doch immer noch herrscht Verbitterung, sind Mißstände nicht ausgeräumt.

Die Zeit heilt keine Wunden. Die Erinnerung an den algerischen Unabhängigkeitskrieg ist noch sehr gegenwärtig seltsamerweise allerdings stärker in den Köpfen derer, die die acht schrecklichen, für beide Länder blutigen Jahre nicht selbst miterlebt haben.

Von 1954 bis 1962 bot das algerische Volk alle Kräfte auf, um der Kolonialherrschaft ein Ende zu setzen - in Algerien wie auch in der Emigration.

Algerien wurde 1830 besetzt. Es hatte von allen Ländern des Maghreb das härteste Schicksal. Nach 1870 richtete sich die Entwicklung der algerischen Wirtschaft nach den Bedürfnissen Frankreichs.

Die algerischen Bürger wurden benachteiligt und gezwungen, zur Entfaltung und Bereicherung der französischen Bevölkerung im Lande beizutragen. Tunesien und Marokko erging es vergleichsweise besser.

1883 wurde Tunesien durch die Konvention von La Marsa zum französischen Protektorat erklärt. 1912 unterschrieb Sultan Moulay Hafiz in Fes das Protektoratsabkommen, das Marokko unter koloniale Vormundschaft stellt.

Frankreich betrachtete Algerien als Erbgut und duldete in diesem Punkt keinerlei Widerspruch. Am 8. Mai 1945, am Tag der Kapitulation des Nationalsozialismus, metzelte die französische Armee in Setif und Guelma Tausende von algerischen Demonstranten nieder. Diese Brutalität führte zu einer radikalen Ablehnung der Kolonialherrschaft und bestärkte den Wunsch, unbedingt unabhängig zu werden. Knapp zehn Jahre später, am 1. November 1954, brach unter Führung der Nationalen Befreiungsfront (FLN) und der Nationalen Befreiungsarmee (ALN) der Aufstand aus. Frankreich war schockiert und reagierte heftig. Ein regelrechter Krieg begann. Im August 1956 entführte die französische Armee ein Flugzeug mit den Legende gewordenen Anführern des Aufstands, darunter auch der spätere Präsident der Republik Algerien, Ahmed Ben Bella. Es war wohl die erste Flugzeugentführung der Geschichte. Es folgten acht Jahre lang Krieg, Gemetzel und sehr große Brutalität auf beiden Seiten. Die FLN unterhielt Verbindungen zu Einwandererkreisen in Frankreich. Am 16. und 17. Oktober 1961 schlug die Polizei eine Demonstration von Algeriern in Paris blutig nieder. Dutzende von Leichen algerischer Einwanderer wurden in die Seine geworfen.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens im Juli 1962 regierte zunächst Ben Bella, der 1965 von seinem Genossen Boumedienne gestürzt wurde.

Dreißig Jahre lang verfügte die Einheitspartei FLN über das Machtmonopol.

Es gab keine Demokratie und keine Freiheit, aber verheerende wirtschaftliche Fehlentscheidungen. Erst 1989 ließ die Regierung Chadli das Mehrparteiensystem und Demokratie zu. Die Islamische Heilsfront (FIS) wurde offiziell am 10. März 1989 gegründet, am 12. Juni 1990 gewann sie die Kommunalwahlen, am 26. Dezember 1991 die Parlamentswahlen. Aus Angst vor der Umwandlung Algeriens in eine islamische Republik verbot die Regierung am 19. März 1992 die Islamische Heilsfront und setzte dadurch dem Demokratisierungsprozeß ein Ende. Darauf reagierte die FIS mit bewaffnetem Kampf. So begann der Bürgerkrieg. Heute spricht man von 100 000 Toten. Beide Seiten, Islamisten und Militärs, begehen die schlimmsten Greueltaten.

Die Opfer gehören in vielen Fällen zur Zivilbevölkerung.

Vor diesem Hintergrund sind die heutigen Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien zu sehen. Wenn man die Vergangenheit vergißt oder die innere Entwicklung Algeriens außer acht läßt, wenn man nicht die Widersprüchlichkeit der französischen Algerienpolitik aufzeigt, so ist die gegenwärtige Lage in ihrer Vielschichtigkeit und häufig auch Undurchsichtigkeit nicht zu verstehen.

In den Texten, die die Aktivisten der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA) veröffentlichen, taucht immer wieder der Vorwurf auf, die französische Regierung unterstütze inoffiziell das algerische Regime. Seit dem Beginn des Bürgerkrieges haben die Islamisten mit allen, auch den gräßlichsten, Mitteln versucht, die algerischen Machthaber in Verruf zu bringen und international zu isolieren.

Auch der staatliche Sicherheitsdienst bedient sich grausamster Methoden. Polizisten, die ins Ausland fliehen konnten, haben von Greueltaten berichtet, die von der Polizei und der Armee kaltblütig begangen und dann den Islamisten zugeschrieben wurden, um diese zu isolieren.

Das Klima in Algerien ist heute geprägt von Unterdrückung, Zensur und Vergeltung. Die Presse wird streng überwacht. Sie veröffentlicht nur das, was die Regierung freigibt. Amnesty international bestätigt in seinem Länderbericht vom 19. November 1996 über Algerien, daß "Verschwindenlassen, Totschlag, Folter, Entführungen, begangen im Namen des ,antiterroristischen Kampfes` oder des ,heiligen Krieges`, immer häufiger vorkommen. Die Verletzungen der Menschenrechte sind fester Bestandteil der Strategie beider Seiten." Die französische Regierung verschließt ebenso wie andere europäische Verantwortliche die Augen vor dieser autoritären Entgleisung. Die von Unbekannten begangenen Massaker - Frauen und Kindern wird die Kehle durchgeschnitten - stehen in keinerlei Kriegstradition. Nur wenige Journalisten dürfen ausführlich über diesen Krieg berichten gerade sie sind im Visier der Machthaber wie auch der Islamisten: In den letzten vier Jahren wurden 57 Journalisten umgebracht, 3 sind verschwunden, 400 ins Exil gegangen.

Nachdem im Dezember 1994 ein islamistisches Kommando einen Airbus der Air France gekapert hatte, kühlten die Beziehungen zwischen beiden Ländern zunächst merklich ab. Ende November 1996 erklärte Ministerpräsident Ahmed Ouyahia im algerischen Fernsehen jedoch, daß "sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien deutlich verbessern". Das Finanzprotokoll 1996 soll demnächst von beiden Staaten verabschiedet werden. Angeblich hat Paris auch beim Europäischen Parlament interveniert, um zu verhindern, daß die Wirtschaftshilfe für Algerien an eine Verbesserung der Menschenrechtslage gekoppelt wird. Auf wirtschaftlicher Ebene ist Frankreich immer noch der wichtigste Partner Algeriens. Algerier stellen dort heute die größte Einwanderungsgruppe. Die öffentliche, politische und wirtschaftliche Stabilität Algeriens ist eines der wichtigsten Anliegen Frankreichs - unabhängig davon, wer in Paris regiert. Neutralität im Umgang mit den Konfliktparteien Algeriens kann es daher auch nicht geben.

Am Tag vor dem Attentat in der Metrostation Port-Royal, am Dienstag voriger Woche, empfing der Quai d'Orsay Mahfoud Nahnah, den führenden Kopf der Hamas, der sogenannten "gemäßigten" islamistischen Partei.

Sie erhielt bei den Präsidentschaftswahlen im vorigen Jahr 25 Prozent der Stimmen. Nahnah gilt als Feind der FIS, da er bereit ist, mit den derzeitigen Machthabern Kompromisse zu schließen.

Damit hat Paris zum ersten Mal einen islamistischen Führer empfangen und ihn in aller Freiheit eine Pressekonferenz abhalten lassen.

Dabei sagte Nahnah: "Wir sind der Überzeugung, daß die bewaffneten Aktionen selbstmörderische Verzweiflungstaten sind und von Menschen begangen werden, die keine anderen Argumente mehr haben."

Verzweiflungstaten? Vielleicht. Auf jeden Fall interessieren sich deren Urheber für Frankreichs Algerienpolitik. In einem Presseorgan der islamistischen Terrorgruppe wirft deren neuer Anführer Antar Zouabri Frankreich vor, sich im algerischen Bürgerkrieg nicht neutral zu verhalten: "Frankreich liefert uns alle Gründe, die unseren Kampf gegen seine Politik rechtfertigen. (. . .) Es verteidigt die Gottlosen." Schon seit dem Sommer 1995 tragen die Kämpfer der GIA den algerischen Bürgerkrieg nach Frankreich. Am 11. Juli vorigen Jahres wurde in Paris Abdelbaki Sahroui ermordet, Mitbegründer der Islamischen Heilsfront und Imam der Moschee in der Rue Myrha.

Am 25. Juli explodierte eine Bombe in der Metrostation Saint-Michel in Paris: 7 Tote, 92 Verletzte. Am 17. August eine weitere Explosion in Paris, Avenue Friedland: 17 Verletzte. Weitere Attentate folgen im September. Am 29. September wird Khaled Kelkal nach einer zweitägigen Verfolgungsjagd in den Bergen südwestlich von Lyon erschossen.

Seine Beisetzung am 6. Oktober ist Anlaß für eine friedliche Demonstration.

Doch in der Nähe der Pariser Metrostation Maison Blanche explodiert eine Gasflasche: 13 Verletzte. Am 17. Oktober geht ein Sprengsatz auf der Linie C der Schnellbahn RER hoch: 29 Verletzte.

Die französische Presse und die Regierung setzen beim jüngsten Attentat in Port-Royal vor allem auf die islamistische Fährte.

Vielleicht wollte der neue Führer der GIA mit dieser Tat seine Entschlossenheit unter Beweis stellen. Vielleicht ist dieses Attentat aber auch eine Art Strafe für Frankreichs Politik der Nichtneutralität oder eine tragische Antwort auf nicht gehaltene Versprechungen.

Die Öffentlichkeit ist es gewohnt, daß der französische Staatsapparat hinter verschlossenen Türen verhandelt und dergleichen Vorgänge dann kategorisch leugnet, wie erst neulich im Falle der korsischen Nationalisten. Die Frage nach den Urhebern des Anschlags wird vermutlich noch lange unbeantwortet bleiben.

Im algerischen Bürgerkrieg geht es um die Macht, vor allem aber auch um die Suche nach einer Identität. Die osmanische Besatzung, die französische Kolonialherrschaft und schließlich die Diktatur der Einheitspartei FLN haben die Identität der Algerier aufgerieben.

Wo sollen sie ihren Platz einnehmen zwischen der innerlich zerrissenen arabischen Welt und dem arroganten Westen, zwischen einem demagogischen Sozialismus, der gescheitert ist, und einem ideologisierten Arabertum, das die Sprache und Kultur der Kabylen, immerhin die Hälfte der Bevölkerung, einfach ignoriert? Angesichts des allgemeinen kulturellen Unbehagens drängt sich ein Rückgriff auf den Islam geradezu auf.

Die religiösen Führer haben aus dieser Auseinandersetzung mit der Identität eine Kriegsideologie gemacht, die keine Grenzen mehr kennt. Frankreich konnte oder wollte sich nicht heraushalten und hat die Algerier ihre Rechnung unter sich begleichen lassen.

Das letzte Kapitel im Buch des Algerienkrieges ist noch nicht geschrieben.

Aus dem Französischen von Nicola Volland