Als Indiens frühere Premierministerin Indira Gandhi die Faust in Richtung Peking schüttelte und mit bebender Stimme der Nation versicherte: "Wir werden jeden Fußbreit indischen Bodens bis zum letzten Blutstropfen verteidigen", erntete sie hysterische Beifallsstürme.

Wenn Indiens derzeitiger Premier H. D. Dewe Gowda heute mit solchen Tönen aufwartete, käme der Beifall allenfalls noch von der falschen Seite, nämlich von der hindu-faschistischen BJP. Geschäftsmäßiger Pragmatismus hat das hohle nationale Pathos längst verdrängt, denn die asiatischen Giganten China und Indien haben eingesehen, daß sie Besseres zu tun haben, als einander zu bekriegen.

Das wichtigste Ergebnis der ersten Reise eines chinesischen Staatsoberhauptes nach Indien in dervergangenen Woche: ein Nichtangriffspakt. Keine der beiden Seiten hat das so genannt, aber um nichts anderes ging es, als Jiang Zemin und Dewe Gowda beschlossen, einer seit dreißig Jahren andauernden Grenzkonfrontation in 6000 Meter Höhe ein Ende zu machen. Auf den eisigen Gletschern des Himalaya stehen sich zwei hochgerüstete Armeen gegenüber - seit jenem Blitzkrieg, in dem China sich 1962 den einzigen Zugang von der Provinz Xinjiang (Sinkiang) zum besetzten Tibet eroberte.

Aksai Chin heißt das unwirtliche, 40 000 Quadratkilometer große Stück Hochgebirge östlich von Ladakh. Da Peking entschlossen ist, Tibet nie wieder herzugeben, will es auch diesen strategischen Korridor behalten. Im Gegenzug könnten die Inder ein anderes Gebiet von 80 000 Quadratmeilen östlich des Zwergkönigreichs Bhutan bekommen: das Areal unterhalb der sogenannten McMahon-Linie, in dem sie trotz chinesischer Proteste 1984 einfach ihren Staat Arunachal Pradesh ausgerufen haben. Mit dickem Bleistift hatte seinerzeit der britische Kolonialbeamte McMahon auf den Karten des Empire eine bewußt vage Linie eingetragen. Sollten sich doch zukünftige Generationen um diese Grenze streiten.

Allerdings sind Indien und China auch jetzt noch nicht bereit, über präzise Grenzziehungen zu reden: Statt dessen einigte man sich darauf, von der "aktuellen Kontrollinie" die Truppen bis auf ein Minimum abzuziehen. Allerlei "vertrauensbildende Maßnahmen" sollen das Miteinander normalisieren.

Gemessen an der langen Eiszeit in den diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten, ist das ein gewaltiger Schritt. Aber eine Neuauflage der alten Ideologie des Hindi Chini Bhai Bhai (Inder und Chinesen sind Blutsbrüder) ist es nicht. Mit dieser Parole hatten Nehru und Tschou En-lai die friedliche Koexistenz ausgerufen. Zwei Jahrtausende sollte die Freundschaft währen - tatsächlich hielt sie nur acht Jahre. Gewiß, für Indien ist der Gedanke verführerisch, die alte Rivalität zu begraben und über zwei Milliarden Menschen unter dem gemeinsamen Wunschziel Reichtum zusammenzuführen. Dann wäre Indien endlich seinem alten Traum nahe: Weltmacht zu sein wie China, umworben und anerkannt. Daß dies nur zu erreichen ist durch rasches Wirtschaftswachstum, durch Armutsbeseitigung, Bevölkerungskontrolle, durch politische Stabilität und Frieden mit den Nachbarn, in Delhi ahnt man es wohl. Aber so richtig kommt das Programm zum Reichwerden nicht in Schwung.

Während man in Indien immer noch das Für und Wider der Globalisierung diskutiert (als ob es für das Land eine Wahl gäbe), während man sich immer noch mit Bekenntnissen zur Wirtschaftsreform auf die eigene Schulter klopft, sie aber in der Praxis nicht umsetzt, machen Chinas hemmungslose Kapitalisten das große Geschäft. Indien hat immerhin eine leidlich funktionierende Demokratie, ein einigermaßen funktionierendes Rechtssystem, ein enormes Heer nicht nur qualifizierter, sondern sogar noch englisch sprechender Arbeiter, dazu einen potentiell riesigen Konsumentenmarkt. Mit allen diesen Vorteilen zu wuchern, hat es jedoch nicht verstanden. Die Indien-Euphorie westlicher Investoren weicht inzwischen wachsender Enttäuschung.