In den heiteren westdeutschen sechziger Jahren, als es nicht so darauf ankam, erfanden Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und F. K. Waechter "Die Wahrheit über Arnold Hau": ein idealer Künstler-Lebenslauf mit allem, worauf es ankam. Frühe Lyrik, linke Vergangenheit, das abendbelichtete Spätwerk mitsamt der klassischen Herkunftsprosa: In Ratzeburg "wird auch der Sohn Arnold geboren, und bald schon kommt in ihm das väterliche Erbgut zum Durchbruch: die äußere Gestalt, ein gewisser Ernst, die Liebe zum Wassersport". Und mindestens eine Generation sah sich im tiefsten Einverständnis parodiert, mit all den Eitelkeiten, Selbstüberhöhungen, narzißtisch aufgeputzten Rückblicken, ohne die man kein echter Kerl gewesen.

Die heiteren Jahre sind ganz vorbei. Als "Dichtung in eigener Sache" analysierte Karl Corino das Lebenswerk Stephan Hermlins in der ZEIT - als eines, das mehr Werk als Leben war: Seine Autorität als DDR-Kulturgröße beruhte auf Legendenbildungen, die plötzlich in sich zusammenfielen. Der kommunistische Großbürgersohn, der wagemutige Antifaschist, der Spanienkämpfer und Hitler-Flüchtling, der Mann im französischen Widerstand - ein Dichter seines Lebens als Klischee, ein wahrer Arnold Hau als Zeitgenosse. ("Die Wahrheit über Arnold Hau" übrigens jetzt als Taschenbuch, Fischer Verlag.)

Erbitterte Stimmen klagten sofort: Der letzte Stern des Ostens noch verdunkelt, von einem kleingeistigen Westler! Miese Recherche und Lüge "im Gewand der Wahrheit" und ohne jeden Kunstverstand! Vom Antisemitismus-Vorwurf bis zum "Haß auf die Linke" war einiger Unsinn geboten; die FAZ säuselte fein: "Die wirklichen Relationen waren die einer mehrfach verschränkten Ungleichzeitigkeit, das heißt: sehr viel komplizierter." Jetzt ist Corinos recht einfach zu lesendes Buch erschienen ("Außen Marmor, innen Gips", Die Legenden des Stephan Hermlin, Econ Verlag), und Stephan Hermlin hat seine Erkenntnisse im wesentlichen bestätigen müssen. Gleichwohl spricht er im jüngsten Freibeuter, das hohle Ebenmaß seiner gewohnten Prätention verlassend, vom "Frankfurter Schnüffler", und sein Verleger Klaus Wagenbach, der im Kampf um den Freund nicht nur den Kopf verliert, scheut auch die körperliche Denunziation Corinos nicht.

Es bleibt nicht viel übrig vom Heldenepos: Stephan Hermlin, ein Opfer zweiter Klasse. Daraus hätte sich etwas machen lassen. Die Angst bleibt Angst, auch wenn man sie nicht in Sachsenhausen verspürt, sondern in französischer Internierung. Ist Literatur nicht auch der Versuch, das wenig Spektakuläre eindringlich in Worte zu fassen? Und auch jener Erfahrung Würde zu geben, die weder für die Gauck-Behörde noch für ein Marmordenkmal taugt? Stephan Hermlin hat sich anders entschieden. Als Schriftsteller.

Es bleibt aber, was er aus seinem angemaßten Ruhm gemacht hat. Nicht nur, daß er bekanntlich niemandem geschadet hat - der Kulturfunktionär und "spätbürgerliche Schriftsteller" Stephan Hermlin protestierte gegen den Einmarsch in Prag, gegen die Biermann-Ausbürgerung und allerlei anderen angewandten Stalinismus. Ihm ist es wesentlich zu danken, daß in der DDR Nietzsche, Joyce und Proust kein Tabu mehr waren; er unterstützte Reiner Kunze, Günter Kunert, Thomas Brasch. Von ihm ging Hoffnung aus für jene, die eine Existenz als Schriftsteller nicht bloß mit Bitterfelder Oden bestreiten wollten. Diese Hoffnung war zur Hälfte falsch. Zur Hälfte.