TROISDORF. - Meine Vorstellung von Nothilfe hat sich gebildet im südchinesischen Meer, wo uns die törichte Weisheit dieser Welt suggerieren wollte: Wir müssen unser Schiff Cap Anamur bewaffnen. Wir sagten jedoch: "Nein, humanitäre Hilfe und ein humanitäres Schiff sind unbewaffnet. So sind sie definiert. Darin gerade liegt ihr Schutz!"

Mein humanitärer Stolz band sich immer an die rauhen Pisten von Jerusalem nach Jericho, von Samaschki nach Grosnyi, von Goma nach Kisangani, von Soweto nach Kayelitscha: Dort lag jemand, der unter die Räuber gefallen war. An dem dieser verachtete Samariter vorbeikam, stehenblieb und dem Verletzten die Wunden verband.

Jetzt sah ich im Deutschen Bundestag, am vergangenen Mittwoch, den Bonner Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer die außenpolitische Schmierenkomödie mit dem Privatdetektiv Werner Mauss in Kolumbien als "Notfall" und "humanitäre Notmaßnahme" bemänteln.

Es stockte mir der Atem. In meiner illusionären Politik- und Parlamentsanschauung wähnte ich: Jetzt wird der Deutsche Bundestag sich aus Protest erheben, und die Bundestagspräsidentin wird den Geheimdienstkoordinator zur Ordnung rufen für die nicht legitimierte Benutzung des ehrenvollen Wortes humanitär.

Humanitär - das wird inzwischen zu einem Mäntelchen, das sich eine Politik umhängt, die zu keiner wirklichen Politik mehr fähig ist. Humanitär - das wird langsam zum Synonym für unfähig, lahm, feige, für die Vortäuschung von Tatkraft. Oder eben zur Überdeckung eines Geheimdienstskandals.

Die Zaire-UN-Friedenstruppe, die nun schon seit fünf Wochen auf einer endlosen Kette von Konferenzen bis zum Gerippe zerredet wird, hat ein "humanitäres Mandat". Dieses Mandat bedeutet: Nicht die Menschen in Not schützen. Nicht die Milizionäre der Völkermordmiliz Interhamwe entwaffnen. Nicht die Geiseln der Völkermordarmee befreien. Nicht die Vertriebenen und Flüchtlinge wirklich schützen. Das Humanitäre reduziert sich als Ultima ratio dieser dürftigen Zeit auf den Abwurf von Nahrungsmitteln, Milchpulver, Aspirin über weite Regenwald- und Vulkangebiete, damit Regierungen ihren Völkern sagen können: Wir tun etwas.

Der Geheimdienstkoordinator Schmidbauer hat dem deutschen Souverän, dem Parlament, die Wörter Nothilfe und humanitär hingeworfen zum Fraß. Selbst Außenminister Klaus Kinkel, der wirklich ein Herz für humanitäre Anliegen hat, protestierte in der Bundestagssitzung nicht gegen den Mißbrauch des Begriffs humanitär im Zusammenhang mit der dubiosen Geheimdienstaktion in Kolumbien.

Humanitär, mit diesem schmückenden Beiwort wird künftig, wenn das Beispiel Schmidbauer Schule macht, jedes politische Schmierenstück aufgewertet werden können.

Dürfen wir die Wörter humanitär/Notfall weiter benutzen, wenn es dazu verwandt wird, auch die nächsten profitträchtigen Unternehmungen eines Privatdetektivs, der schon in Celle und bei anderen miesen Geschichten dabei war, zum bemänteln?

Wenn es so weitergeht, dann müssen wir uns statt auf Nothilfe und humanitär auf alte, gute Worte wie menschlich, auf alte, gute lateinische Worte wie benignitas et humanitas, auf Solidarität und Mitleiden einlassen. Daß die Kolumbien-Aktion von den Spitzen meiner Regierung als "Nothilfe" und "humanitär" abgesegnet worden sei, das - bitte schön - möchte ich gern von Helmut Kohl, dem Kanzler, und von Klaus Kinkel, dem Vizekanzler, dementiert haben.

Die Wahrheit der Sprache ist ein hohes Gut. Die Demokratie gibt uns die Möglichkeiten, auf diese Wahrheit zu achten und zumal unsere politische Sprache nicht verludern zu lassen. Das ist auch eine Aufgabe des Bundestags. Bei der Behandlung des Kolumbien-Abenteuers am vergangenen Mittwoch hat er sie nicht wahrgenommen.

Rupert Neudeck ist Vorsitzender des Komitees Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V.