Drei Dinge haben den Namen Heinrich Lübkes in unserer Erinnerung verankert. Sein silbergraues Haar, das ihm zu einer würdevollen Erscheinung verhalf. Die Fülle peinlicher Versprecher während seiner späten Reden als Bundespräsident. Und schließlich der Schatten, der sich durch gehässige Attacken der DDR-Propaganda auf seine Vergangenheit als vermeintlicher "KZ-Baumeister" geworfen hat.

So greift man zur Biographie, die einer der unstreitig seriösesten deutschen Historiker in zwanzigjähriger Arbeit aus den Quellen zusammengetragen hat, durchaus mit Spannung, aber auch mit leisem Zweifel, ob Lübkes Leben und Wirkung diesen Aufwand tatsächlich verdienen.

Rudolf Morsey, jüngst emeritierter Professor für Neuere Geschichte in Speyer, will Lübkes verzerrtes Bild vor der Geschichte zurechtrücken.

Am silbergrauen Haar läßt er natürlich keinen Zweifel, aber er schildert, wie es dazu kam: Der Schumachersohn aus dem sauerländischen Enkhausen (1894 bis 1972) hatte sich in den zwanziger Jahren als Bauernfunktionär einen Namen gemacht und als linker Mann des Zentrums die politische Bühne betreten. Die bescheidene Herkunft und ein christlich-konservativer Hintergrund hatten ihm zu einer agrarsozialen Einstellung verholfen. Schon ein Jahr nach der Machtergreifung wurde der "rote Lübke" von der Gestapo mit windigen Betrugsvorwürfen verfolgt. Nach einer zwanzigmonatigen Untersuchungshaft war sein Haar schneeweiß geworden.

Nach dem Krieg trat Lübke als "grüner Heinrich" (seit 1947 Landwirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, seit 1953 im Bund) erneut für Bodenreformen, feste Milchpreise und eine verstärkte Entwicklungshilfe ein. Zu politischen Ämtern hat er sich nie gedrängt, gerade deshalb sah er sich 1959 recht unvermittelt zum Bundespräsidenten gekürt.

Nach Adenauers verstolpertem Anlauf in dieses Amt war sein Name der einzige gewesen, auf den die Parteien-Arithmetik sich hatte einigen können. Bei seiner Wiederwahl im Jahre 1964 sollte diese große Koalition der Verlegenheit sich noch einmal wiederholen.

Von seinem Amtsvorgänger Theodor Heuss unterschied sich Lübke in nahezu jeder Hinsicht. War der protestantische Liberale ein Mann des Wortes und der Feder, eine selbstsichere und urbane Erscheinung gewesen, so repräsentierte Lübke in schwerblütig-spröder Weise einen sozialen Katholizismus, den er ebenso eigenwillig wie ausdauernd, freilich bar jeder rhetorischen Begabung, vertrat. Die Lektüre der zahlreichen Zitate macht selbst für Nachgeborene nachvollziehbar, wie wenig Lübke zu inspirieren vermochte. Seine Amtszeit muß für diejenigen, die geistige Impulse von ihrem Staatsoberhaupt erwarteten, von Beginn an eine Qual gewesen sein. Daß solche Politiker in höchste Staatsämter gelangen, hat man später durchaus wieder erlebt.

Seltener freilich in dem Amt, dessen vornehmste Macht es ist, als erster Redner des Staates stets ein nationales Publikum zu besitzen.

Lübke, der um diese Schwäche wußte, versuchte sie durch eine großzügige Auslegung seiner politischen Vollmachten als Präsident zu kompensieren.

In vielen Ressorts der Bundesregierung hatte er sich bald unbeliebt gemacht, auch mischte er sich immer wieder in Personalentscheidungen ein. Zu keinem der Kanzler seiner Amtszeit stellte sich ein vertrauensvolles Verhältnis ein. Und selbst enge Mitarbeiter konnten über den alles andere als "unverkrampften", "umständlichen, dabei überaus empfindlichen" Chef schier verzweifeln. Überrascht liest man zudem, daß Lübke schon 1961 - ohne Not - für eine Allparteienregierung eingetreten ist. Wahrscheinlich hätte in diesem Fall das Jahr 1968 die noch junge Republik schon um einiges früher heimgesucht.

Morsey hat sein Buch eng am Material entlang geschrieben, und er verschont den Leser von keinem Detail. Interessiert nimmt man zur Kenntnis, daß Heuss bei der Amtsübergabe Lübke mit der Entscheidung konfrontierte, ob die blütenfressenden Kaninchen der Villa Hammerschmidt zur Jagd freigegeben werden sollten. Bei psychologischen Deutungen verläßt sich Morsey leider ganz auf Fremdzitate, die über landsmannschaftliche Zuschreibungen a la "westfälischer Dickschädel" nur selten hinausgehen.

Bisweilen wundert man sich auch, wie stark der Biograph an den Leimruten der offiziellen Verlautbarungen kleben bleibt - etwas quellenkritisches Mißtrauen, wie er sie den Gegnern Lübkes angedeihen läßt, hätte auch hier sicher gutgetan. Die benevolente Charakterisierung eines Freundes ("Sein Record während der Hitlerei ist erstklassig.

Gefängnis, 20. Juli 1944 und dergleichen") hätte in ihrer maßlosen Überzeichnung nicht unkommentiert bleiben dürfen.

Warum diese Treue zu Lübke, so fragt man sich, obwohl doch letztlich alle Eignungsmängel für das Amt von seinem Biographen eingestanden werden? Spätestens im letzten Teil der Darstellung drängt sich dazu eine Vermutung auf. Hier beschreibt Morsey ausführlich "Pankows Kesseltreiben gegen das Staatsoberhaupt", vor allem aber dessen Echo in der Bundesrepublik. Zwar gelingt es ihm, die Haltlosigkeit des Vorwurfs zu belegen, Lübke sei während des Zweiten Weltkriegs "KZ-Baumeister" gewesen. Tatsächlich aber hatte er - woran er sich nun kaum noch erinnern wollte - als Leiter einer Baugruppe im Auftrage Albert Speers jahrelang Unterkünfte für Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mitentworfen und ihren Bau koordiniert.

Sicher sind bei der Kampagne Dokumente nachträglich von der Stasi gefälscht worden. Auch haben "interessierte Kreise" in Westdeutschland den Fall zweifellos politisch instrumentalisiert. Die Art und Weise jedoch, wie Morsey die "Anpöbelungen" des Präsidenten durch ein angeblich von Henri Nannen und Rudolf Augstein angeführtes "linkes Meinungskartell" charakterisiert, legt die Vermutung nahe, daß Lübke hier nicht mehr als zentrale Figur des verfassungspatriotischen Diskurses über die politische Kultur der Bundesrepublik auftritt, sondern als letzter Damm des Staates gegen die 1968 anhebende "rote Flut". So wird Lübke schließlich zu einem tragischen Helden des staatstragenden Katholizismus unter den widrigen Umständen eines neuen Kulturkampfes. Die Literaturliste weist - ein Novum in der Forschung - eine separate Rubrik "von der SED kontrollierter oder beeinflußter Publikationen" aus. Was die Erforschung des Wandels im "Zeitgeist" der sechziger Jahre betrifft, scheint hier noch einiges auf uns zuzukommen.

Lübkes resolute Frau Wilhelmine, die ihren Mann schon mal mit der Aufforderung: "Heini, wir gehen zu Bett!" vom Tisch des Schahs von Persien zog, hat mit ihren vielen Gaben manches auszugleichen vermocht. Zum Schluß hat auch sie unter den Angriffen und der zunehmenden Vereinsamung gelitten, bis ihr Mann als bislang einziger Bundespräsident 1969 vorzeitig aus seinem Amt schied. Doch bei allem Mitgefühl: Eine oder zwei Bemerkungen zur symbolischen Funktion der Integrität dieses höchsten demokratischen Amtes hätten in dem 600-Seiten-Werk durchaus Platz gefunden. Vor dieser Meßlatte wäre deutlicher geworden, warum auch ein nur "verstrickter" Präsident ohne besondere persönliche "Schuld" in diesem Amt nicht tragbar sein sollte. Lübke war mit seiner adretten Fassade, hinter der sich Biedersinn und Redlichkeit, aber auch die Vergeßlichkeit über frühere Zeiten und kleinere biographische Korrekturen verbargen, vielleicht repräsentativ für seine Zeit. Um ein geeigneter Repräsentant für einen demokratischen Neuanfang zu werden, reichte es damals aber nicht aus, ein Mann aus dem Volk zu sein.

Rudolf Morsey:

Heinrich Lübke

Eine politische Biographie Verlag Schöningh, Paderborn 1996 635 S., 68,- DM