In der neueren europäischen Geschichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die man als eine Folge von militärischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Erfolgen, Niederlagen und Revanchen definieren kann, ist das Risorgimento eine seltsame Ausnahme.

Gemeint sind mit dem Begriff jene Ereignisse, die zwischen 1848 und 1870 zur Bildung des Nationalstaates Italien geführt haben.

Ein "ewiges Nichtwerdenkönnen" hat der Staatsschreiber in Zürich, Gottfried Keller, aus der Selbstsicherheit des Vielvölkerstaates Schweiz heraus die Entstehung der italienischen Nation genannt.

Als Keller in einem Brief Anfang Juni 1870 diese Bemerkung machte, dauerte es nur noch zwei Monate, bis das Zweite französische Kaiserreich zusammenbrach und die französischen Schutztruppen des Papstes aus Rom abzogen. Die Schlacht bei Sedan am 1. September 1870 war nicht nur das Signal für die Gründung des kleindeutschen Kaiserreiches und für die Dritte französische Republik, sondern auch für die Vollendung der Einheit Italiens: Am 21. September 1870 stürmten italienische Truppen die Porta Pia, marschierten in Rom ein und besetzten das letzte Territorium des Kirchenstaates. Für die Photographen der Weltpresse wurde die Szenerie am nächsten Tag nachgestellt.

Die Operettenschlacht gegen die weit unterlegenen Schweizer Garden des Papstes war einer der wenigen Erfolge des regulären italienischen und piemontesischen Heeres in den Einigungskriegen seit 1848.

Sie wurde nördlich und westlich der Alpen mit Staunen zur Kenntnis genommen.

Das Staunen galt nicht der Wiedererweckung Italiens, wie das Wort "Risorgimento" suggeriert, sondern der völligen Neuschöpfung einer Nation aus acht Teilstaaten, die zwölf Jahrhunderte lang von der Fremdherrschaft der Normannen, Staufer, Spanier, Franzosen und Habsburger geprägt wurden. Das Risorgimento ist eine Erfolgsgeschichte von Mißerfolgen, grotesken Siegen, unerklärlichen Versäumnissen, wahnwitzigen Zufällen, eine einzige Donquichotterie, geschehen fast gegen den Willen ihrer politischen Väter. Zu verdanken ist das bunte Durcheinander von Legalität und Illegalität, von Chaos und Ordnung, auf das Bismarck mit Hohn, Kopfschütteln und Wut reagierte, der ständigen Einmischung eines einzigen Mannes, der durch seinen romantischen Kampf für Italien zum größten Medienstar des 19. Jahrhunderts wurde.