Als der Kritiker ein Kind war, die wilden Fünfziger hatten gerade begonnen, da nahmen ihn seine Eltern zum erstenmal mit in ein Schauspielhaus. Auf dem Programm stand ein Weihnachtsmärchen, damals das Weihnachtsmärchen schlechthin: "Peterchens Mondfahrt".

Ein halbe Stunde lang etwa, so später die Eltern, soll das Kind den Geschehnissen auf der Bühne mit der äußersten Aufmerksamkeit gefolgt sein. Dann aber habe das Kind sich plötzlich auf seinem Stuhl umgedreht und mit Silberstimme in den dunklen Theaterraum hineingerufen: "Jetzt gucke ich nicht mehr hin!" Und so sei es dann auch geschehen.

Natürlich haben sich die Eltern damals im Theater ein bißchen geschämt. Später aber haben sie die Geschichte immer wieder gern erzählt, mindestens einmal im Jahr, wenn es wieder Weihnachten wurde. Und heute, liebe Leser, bekommt auch ihr das Geschichtlein zu hören, weil es nun schon wieder Weihnachten wird. Aber nur, wenn ihr ganz lieb gewesen seid in diesem Jahr!

Sonst nicht. Sonst: Kopf ab und eins in die Fresse! Wo waren wir stehengeblieben?

Das Weihnachtsmärchen. Der Kritiker hat nach "Peterchens Mondfahrt", im Lauf der Jahrzehnte, viele tausend Theater besucht. Ein Weihnachtsmärchen aber nicht mehr, der Schock war furchtbar noch! Nie dachte er, noch einmal in diesem Leben ein Weihnachtsmärchen mit eigenen Augen ansehen zu müssen. Die Märchen, die man dann und wann im Leben braucht, die holt man sich doch besser woanders.

Doch jetzt auf einmal Zadek! Peter Zadek, der in diesem weiß Gott nicht märchenhaften Theaterjahr 1996 unser Weißer Ritter gewesen ist. Der es begann mit einem total verwunschenen Wiener "Kirschgarten". Der mittendrin im Jahr, im schönsten Monat Mai, siebzig Jahre alt wurde - und dafür von aller Welt lang gelobt und grandios gefeiert wurde. Und der jetzt das Jahr beendet, tatsächlich als Märchenerzähler und Weihnachtsmann: "Alice im Wunderland" , ein Stück von Peter Zadek, inszeniert von Peter Zadek für die ruhmreichen Münchner Kammerspiele.