Diese kleine Geschichte wurde im September fünfundzwanzig Jahre alt. An ihrem Ende steht der Tod, was man gar nicht denken sollte von so einer kleinen Geschichte. Doch bis dahin sind's noch dreizehn Tage - eine Ewigkeit für Kinder und vielleicht die Rettung, da doch die Erinnerung nichts mit dem Tode beschließt. Wir sehen das Kind, den Jungen, wie er das backsteingelbe Schulhaus verläßt. Er läuft die Borngasse entlang, hält ungeduldig inne an der vielbefahrenen Hüttenstraße, überquert sie riskant. Am elterlichen Pfarrhaus stürzt er die Treppe hoch. Er klingelt wild. Die Mutter öffnet. Er wirft den Ranzen hin. Ein Mittwoch ist; die Erinnerung vermutet Suppentag, Linsen mit Knackern und Senf. Der Junge schlingt. Am Bahnhof steht er viel zu früh, denn er ist zu einer Freude unterwegs.

Stunden später sehen wir den Jungen wieder, in der großen Stadt. Im Zug hat er, und nicht zum ersten Mal, die Neue Fußballwoche mit der Vorschau auf das große Spiel gelesen. Sein feuerrotes Kassettentonbandgerät steckt in Vaters alter Ledertasche, aus der, am Kabel, sich ein erhebliches Mikrophon ziehen läßt. Denn heute abend wird der Junge ein Reporter sein. Jetzt sitzt er auf einer Parkbank vor dem Klinikum, ißt langsam einen Florentiner und studiert abermals die Neue Fußballwoche. Ein Mann erscheint. Mitte Zwanzig ist er vielleicht, und ganz gewiß quillt rechts an seinem Hals ein riesiges violettes Ei.

Na, Meiner? sagt der Mann. Stück mal 'n Rück! (Nimmt Platz.)

Guten Tag, sagt der Junge und schielt auf die Geschwulst.

Ich hab' auch mal Fußball gespielt, sagt der Mann. Ich hab' so allerhand gemacht. Bis das da kam. (Zeigt auf den Hals.)

Der Junge weiß nichts zu sagen.