Der Mann steht mit einer ganzen Reihe anderer Zuschauer am oberen Rand einer Baugrube in der Nähe des Doms. Plötzlich beugt er sich über die Brüstung und ruft Archäologen in kölscher Mundart zu: "Wenn de ne decke Knoche fingks, kochste uns all en Zupp davon" ("Wenn du einen dicken Knochen findest, kochst du uns allen eine Suppe daraus"). Kölns Bürger geben sich gerne spöttisch und sind doch stets aufs neue fasziniert von dem, was der Schutt einer zweitausendjährigen Geschichte unter ihren Füßen hergibt. Der neugierige Blick durch das Astloch eines Bauzauns auf römische Fundamente und das wachsame Beobachten der Grabungen sind ein Volkssport in der Stadt am Rhein.

Gelegenheit dafür gibt es genug. Jedes Jahr muß das Kölner Amt für Bodendenkmalpflege bei Bauvorhaben in der Innenstadt rund fünfzehn Rettungsgrabungen vornehmen. Bei zahlreichen anderen Bauarbeiten können die Archäologen jedoch nur am Rande Wache stehen. Irgendwo steht immer ein Tor zur Vergangenheit offen, das die Forscher anlockt. Aber leider nicht nur diese. Raubgräber zerstören bei ihren nächtlichen Beutezügen die für die Wissenschaft so wichtigen Bodenschichten. Und immer mal wieder steht ein Baggerführer vor Gericht, weil seine Anteilnahme an den Grabungen zu handgreiflich war - gut erhaltene Keramiken oder Gläser können auf dem schwarzen Markt einige tausend Mark einbringen.

Gelegentlich bleibt den Archäologen nichts anderes übrig, als solche verlorenen Schätze zurückzukaufen. Als spektakulärster Fall gilt immer noch das Grabmal des Poblicius, das Amateure Ende der sechziger Jahre im Keller ihres Hauses heimlich ausgruben und später an die Stadt verhökerten. Eine halbe Million Mark brachte ihnen ihr Coup ein. Das fast fünfzehn Meter hohe Monument steht heute, durch drei Stockwerke aufragend, im Mittelpunkt des Römisch-Germanischen Museums, wo auch die berühmten Kölner Gläser und das Dionysos-Mosaik zu bewundern sind.

Zur Zeit haben die Zaungäste der Grabungen wieder besonders viel zu gucken. Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern sind bis zu fünf Archäologen und fünfzehn weitere Helfer privater Grabungsfirmen mit Pinsel und Handschaufel unterwegs. Schicht für Schicht tragen die Archäologen die Geschichte der mittelalterlichen Stadtentstehung ab. Sie arbeiten an der wohl bedeutendsten Grabungsstätte nördlich der Alpen, dem Kölner Heumarkt, einem Verkehrsknotenpunkt, unter dem eine Tiefgarage mit mehreren hundert Plätzen gebaut werden soll. Zwei Jahre Zeit bleibt den Archäologen, um das Gelände zu untersuchen, ehe Bagger und Bulldozer die historische Substanz für immer unterpflügen werden.

Die Grabungsfortschritte sollen laufend dokumentiert und spätestens nach Jahresfrist in einem ersten Bericht veröffentlicht werden. Ein weiteres Jahr wird die wissenschaftliche Auswertung nach Abschluß der Arbeiten dauern. Das ist knapp bemessen und doch sehr viel mehr Zeit, als die Kölner Archäologen früheren Funden gewidmet haben. In einer geheimgehaltenen Lagerhalle schlummern 5000 Kisten mit anderen Relikten der Kölner Vergangenheit zum Teil schon seit den zwanziger Jahren, ohne wissenschaftlich aufgearbeitet worden zu sein.

Dabei ist man sich dieses Versäumnisses durchaus bewußt. Forschungsund Veröffentlichungsvorhaben dürften nicht als unerledigte Bürden an nachfolgende Generationen weitergeschoben werden, fordert Hansgerd Hellenkemper, Kölns oberster Stadtarchäologe. Der Direktor des Römisch-Germanischen Museums wünscht sich am liebsten ein Moratorium: "Fünf Jahre lang nichts ausgraben und nur aufarbeiten." Eine wohl vergebliche Hoffnung.