In München bombardierten Pfarrer, Lehrer, und Eltern die Caritas mit Hunderten von Protestbriefen, als bekannt wurde, daß der katholische Wohlfahrtsverband die Erziehungsberatung in den Stadtteilen Bogenhausen und Forstenried "abwickeln" will. In Berlin soll der Adoptionsdienst dichtmachen - Dutzende kinderlose Paare fühlen sich alleingelassen. In Köln, der Festung des rheinischen Katholizismus, droht eine Kapitulation: Wenn die Krankenkassen nur noch so viel zahlen, wie in der Gesundheitsreform vorgesehen, muß die Caritas im schlimmsten Fall alle 60 Pflegestationen schließen, die jetzt 15 000 Alte und Kranke versorgen.

Den Barmherzigen geht das Geld aus. Die Zuschüsse von Bund, Ländern und Kommunen schwinden, die Kirchensteuern bröckeln, und die Bischöfe knausern. Großzügige Spender laufen - oder sterben weg.

Wohlfahrtsmarken erfreuen nur noch ein paar Sammler. Kindergärten und Behindertenwerkstätten, Altenheime und Beratungsstellen reißen schon lange Löcher in den jetzt schrumpfenden Etat. Neue gewerbliche Pflegedienste machen den Sozialstationen Konkurrenz. Auf den Krankenhäusern lastet der Deckel der Pflegesätze. Über Jahrzehnte hat die Caritas dem Staat die Fürsorge in vielen sozialen Bereichen abgenommen.

Jetzt soll der Sozialstaat schlanker werden, und Nächstenliebe muß sich rechnen.

Die Zeiten, als noch ein paar gutmütige Ordensschwestern im Namen der Barmherzigkeit Suppe austeilten, sind längst vorbei. Die Caritas ist zu einem Mammutunternehmen expandiert. Sie ist Deutschlands größter Wohlfahrtsverband - und größter privater Arbeitgeber im Land. Rund 430 000 hauptamtliche Mitarbeiter stehen heute auf der Caritas-Gehaltsliste. Mehr Leute als bei Daimler, mehr Leute als bei Siemens und mehr Leute als bei Daimler und Siemens in Deutschland zusammen. Sie beraten Drogenabhängige, Schuldner und Obdachlose, betreuen Alte, Kranke und Behinderte, sie helfen in den Krisengebieten in der Dritten Welt, sie beschäftigen Arbeitslose und Jugendliche an sozialen Brennpunkten. Aus einem katholischen Provinzverein, der Kriegsopfer und italienische Saisonarbeiter umsorgte, ist ein säkularer Dienstleistungsriese geworden, der seine Lobbyisten nach Bonn und Brüssel schickt. Und immer wieder muß die Großorganisation vor ihrem höchsten Gericht Rechenschaft ablegen - einem weltabgewandten Aufsichtsrat, in dem Bischöfe das Sagen haben.

Der Wohlfahrtsverband ringt um seine Identität. Was ist die Caritas?

Eine Gemeinde der Mildtätigen, ein Profitcenter, eine Staatsbürokratie, eine Filiale der katholischen Kirche? Von Zwängen zerrissen, experimentiert der Verband mit seiner Zukunft: Sozialer Abbau oder sozialer Umbau, Wohlfahrtskonzern oder Zuschußbetrieb, Kirchturms- oder Sozialpolitik?