Was ist erstaunlicher, wunderbarer und erschreckender als ein Doppelgänger? Das allgemeine Entzücken, das Zwillinge hervorrufen, die Beliebtheit von Elvis-Imitatoren und die Furcht vor dem Klonen von Menschen all das belegt unsere Emotion. Dabei gibt es keine zwei Menschen, nicht einmal Klone, die wirklich identisch sind. Blickt man nur genau genug hin, so findet man keine zwei Haare, Blätter, noch nicht einmal zwei frisch geprägte Münzen, die sich absolut gleichen. Mit einem starken Mikroskop lassen sich alle Kopien unterscheiden, weil sie in der Anordnung ihrer atomaren Bestandteile voneinander abweichen. In der makroskopischen Welt ist jedes Geschöpf und jedes Ding einzigartig, egal, wie groß die Ähnlichkeit dem bloßen Auge auch erscheinen mag. Hier regiert der Individualismus.

Und doch ist das Konzept der Gleichheit einfach und leistungsfähig. So ist die Zahl 3 immer gleich, unabhängig davon, ob man sie auf Schafe oder Pfennige anwendet. Der Buchstabe a ist der gleiche, egal, wo er in einem Wort steht. Mit einigen Dutzend solcher Symbole lassen sich alle wissenschaftlichen Erkenntnisse und literarischen Einfälle der Welt festhalten.

Vor zweieinhalbtausend Jahren kamen die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit auf die folgenreiche Idee, mit dem Gleichheitsprinzip lasse sich möglicherweise der Aufbau der Materie erklären. Ob man die fundamentalen Bausteine als Teilchen aus Feuer, Wasser, Erde und Luft beschreibt, als eine Gruppe von 92 chemischen Elementen oder als die 17 Quarks, Leptonen und Kraftträger der modernen Teilchenphysik - die grundlegende Idee ist praktisch unverändert geblieben. Das Universum besteht, wie die Literatur, aus einer ungeheuren Zahl von identischen Kopien einiger weniger fundamentaler Bausteine.

In einem solchen Entwurf spielt die Gleichförmigkeit der Bestandteile, die in krassem Gegensatz zur Individualität der zusammengesetzten Objekte in der Alltagswelt steht, eine entscheidende Rolle. Die Gleichförmigkeit der Elemente ist ein grundlegendes Axiom der Physik. Damit läßt sich ein Chaos ansonsten beziehungsloser Phänomene vereinheitlichen und verstehen. Hingegen würde eine Theorie, in der jedes Atom einmaligen Charakter hätte, das wissenschaftliche Weltbild unendlich komplizieren.

Wenn makroskopische Objekte einzigartig und Elementarteilchen ununterscheidbar sind, wo verläuft dann die Grenze zwischen beiden Bereichen? Eine Tulpenknospe ist zweifellos ein Ding und ein Elektron ein Elementarteilchen. Doch wo geht, zwischen diesen beiden Extremen, die Einzigartigkeit in Anonymität über?

Unlängst hat sich der Chemiker Roald Hoffmann von der Cornell University in einem eleganten Essay mit dieser Frage auseinandergesetzt. "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit", fragt er, "daß zwei Moleküle des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin in einem Blutstropfen identisch sind?" Da ich mich im allgemeinen mit Atomen beschäftige, schätzte ich die Wahrscheinlichkeit auf hundert Prozent - übrigens wie die meisten Physiker, die ich befragt habe.

Doch die Antwort ist falsch.