Wie Hoffmann darlegt, besteht jedes Hämoglobinmolekül aus 9072 Atomen - ein verzweigtes Gebilde aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel und Eisen. Obwohl sich all diese Atome in jedem Molekül vollkommen gleich anordnen, sind sie nicht ganz identisch. Atome kommen in mehreren Isotopenarten vor, die chemisch zwar identisch, von ihrem Gewicht her aber verschieden sind. Hoffmann rechnet die Zahl unterschiedlicher Kombinationen der möglichen Isotope durch und vergleicht diese Zahl mit der Anzahl der Hämoglobinmoleküle in einem Blutstropfen. Er kommt zu dem Schluß, daß die Aussichten, zwei Moleküle mit identischem Isotopensatz in einem Tropfen zu finden, "sehr, sehr gering" sind. Im Gegensatz zu meiner Annahme beherrscht der Individualismus das Bild, und zwar von den Berggipfeln bis hinab zur Ebene der organischen Chemie.

In der Teilchenphysik dagegen bleibt die Gleichheit der fundamentalen Bestandteile unangetastet. Das weiß man zwar schon seit langem, doch erst vor kurzem hat sich gezeigt, wie weitreichend die Konsequenzen dieser Gleichheit sind. In den vergangenen zwei Jahren hat sich eine vollkommen neue Disziplin der Physik herausgebildet. Sie beschäftigt sich mit extrem dünnen Gasen bei Tieftemperaturen und beruht auf der Ununterscheidbarkeit subatomarer Teilchen. Sie verheißt komplexe neue Phänomene und Anwendungen, von denen man bisher nicht zu träumen wagte.

Der Gegensatz zwischen der Einzigartigkeit makroskopischer Gegenstände und der Gleichheit der Teilchen veranlaßt uns zu der naiven Frage: Warum? Warum sind alle Elektronen vollkommen gleich, ihre Ladungen und Gewichte stets identisch? Warum reicht die ungefähre Gleichförmigkeit makroskopischer Objekte, etwa von Pfennigen oder Rolex-Uhren, in der Welt der Atome nicht aus?

Solche Fragen haben eher metaphysischen als wissenschaftlichen Charakter und werden daher von den meisten Physikern gemieden. Einer, der sich ihnen furchtlos stellte, war der vielbewunderte John A. Wheeler, der an der Princeton University lehrte und Doktorvater des späteren Nobelpreisträgers Richard Feynman war. Die Antwort, die er Feynman eines Tages am Telephon vorschlug, erwies sich als ebenso einfallsreich wie seltsam. Alle Elektronen seien nicht nur gleich, sondern dasselbe, meinte Wheeler - tatsächlich gebe es im gesamten Universum nur ein Elektron. Dieses eine und einzige Elektron trete nur stets aufs neue in Erscheinung. Nachdem es in ferner Vergangenheit seinen Anfang genommen habe, rase es vorwärts durch die Gegenwart, wo Beobachter einen flüchtigen Blick darauf erhaschen könnten. Dann verschwinde es in der fernen Zukunft und komme als Elektron zurück, das sich in der Zeit rückwärts bewege, vorbei an Instrumenten, die es als Positron (das Antiteilchen des Elektrons) in Vorwärtsbewegung registrierten. Wieder in der Vergangenheit angekommen, kehre es um und beginne die ganze Zickzackreise von vorn.

Wheelers bizarres Modell lieferte saubere Lösungen für drei Rätsel gleichzeitig: Warum sind alle Elektronen gleich? Warum haben Elektronen und Positronen gleiche Eigenschaften, nur spiegelverkehrt in der Zeit? Und warum scheint das Universum die gleiche Anzahl positiver und negativer Ladungen zu besitzen? Andererseits stellen sich der Hypothese so viele unüberwindliche experimentelle und theoretische Einwände entgegen, daß ihr Schöpfer sie fast augenblicklich wieder fallenließ.

Eine überzeugendere Lösung des Rätsels atomarer Homogenität erhellt den entscheidenden Unterschied zwischen mikroskopischen und makroskopischen Objekten. Menschen und Dinge bestehen aus vielen Atomen, deshalb sind zu ihrer vollständigen Beschreibung ungeheure Datenmengen notwendig. Eine Murmel enthält beispielsweise eine Billion Billionen Atome. Dreier Zahlen bedarf es, um den Ort eines Atoms im Raum anzugeben, und dreier weiterer, um die Geschwindigkeit und Richtung des Atoms wiederzugeben. Folglich braucht man sechs Billionen Billionen Zahlen, um alle Atome einer Murmel zu beschreiben. Die Herstellung zweier Murmeln, die in jedem dieser Werte übereinstimmen, würde nicht nur die Kräfte unserer Technik überfordern, sondern auch die der Natur.

Im Gegensatz dazu ist ein Elektron eine fast unendlich einfache Erscheinung. Nach Auffassung der modernen Physik ist es kein materielles Objekt wie eine Murmel oder ein Pfennig, sondern eine Art Störung in einem abstrakten, universellen Medium, dem Elektronenfeld. Danach ist ein Elektron wie ein musikalischer Ton, der durch einen einzigen Buchstaben in seiner Höhe oder Frequenz beschrieben wird. Ein C, das man auf dem Klavier anschlägt, ist identisch mit dem C, das eine Zeitlang später erklingt, vorausgesetzt, Spannung und Länge der Klaviersaite haben sich nicht verändert. Genauso austauschbar sind Elektronen. Sie teilen mit Schall- und Lichtwellen auch eine Eigenschaft, die ihre Identität in Frage stellt: ihre Ununterscheidbarkeit. Zwei Pfennige, die auf dem Tisch liegen und keine besonderen Kennzeichen oder Markierungen aufweisen, lassen sich immer noch anhand ihrer Positionen unterscheiden: derjenige, der links liegt, von dem, der rechts liegt. Sie wären zwar identisch (zumindest für das bloße Auge), aber trotzdem unterscheidbar.