Der vermeintlich verkaufsfördernde Aufkleber auf dem Cover droht, dieser Mann sei "der Jimmy Page des Samplers": Zum drogensüchtigen, gewaltbereiten und mädchenschändenden Digital-Berserker hat es DJ Shadow aus San Francisco noch nicht gebracht. Ry Cooder hieße der richtige Vergleich. Dieser hat 1979 das erste komplett digital eingespielte Rockalbum aufgenommen: Dazu gilt seine Liebe unterschiedlichsten, meist schwarzen Musiktraditionen, die er zeitgemäßen Interpretationen unterzieht und vor dem Zugriff der Puristen rettet.

DJ Shadow hat mit "Endtroducing . . ." ein opulent ausgestattetes Doppelalbum aus digital aufbereitetem Material zusammengestellt, das ausschließlich von alten Schallplatten stammt, Soul, Funk, Orgelmusik, Sprechplatten, Folk, Easy Listening (MoWax059/Marlboro Music 0088332 MRO Fax: 089/74 28 14-14). "Endtroducing . . ."

mit seinem abstrakt groovenden Eklektizismus stößt mit Wucht eine Tür in die Zukunft auf, eine Zukunft, in der Popmusik sogar ihrem Zitatcharakter entsagt und auf molekularer Ebene eine Rekombination der eigenen Geschichte erfährt. Neue Alphabete werden sich bilden, neue Sprachen, neue semantische Konventionen, die aus heutiger Sicht jeden beliebigen Popsong zu einem akustischen "Finnegan's Wake" werden lassen. "Endtroducing . . ." mag dann kitschig, ungelenk, tapsig wirken, aber sie wird als erster Gehversuch in diese neue Welt gelten, in der Musik im hergebrachten, handwerklichen Sinne nichts mehr gilt. Und bevor ich es vergesse: Man kann auch dazu tanzen.