Geht es nach einigen westlichen Ökonomen, dann hat Rußland auf dem Weg zur Marktwirtschaft das Schlimmste hinter sich: Wieder einmal sagen Experten einen baldigen Aufschwung voraus. Der Schwede Anders Aslund, mehrere Jahre Wirtschaftsberater der russischen Regierung, hat die Transformation sogar für abgeschlossen erklärt.

Dieser Optimismus läßt sich nur damit erklären, daß die Experten in Moskau von der vielen Leuchtreklame geblendet werden. Sicher, heute sind die Schaufenster voll, über die Straßen der Metropole rollen mehr Mercedes der S-Klasse als in deutschen Großstädten, und die neuen Villen am Stadtrand ähneln eher Kirchen als Einfamilienhäusern.

Aber die Mehrheit der Russen hat eben keinen Grund zu feiern, wenn sich zum Jahreswechsel der Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen in Rußland zum fünften Mal jährt.

Wie hat der russische Durchschnittsbürger seither "Demokratie" und "Marktwirtschaft" erlebt? Zunächst einmal haben die Preisfreigabe am 2. Januar 1992 und die anschließende galoppierende Inflation seine Ersparnisse in nichts aufgelöst. Danach mußte er feststellen, daß er sich von seinem Lohn immer weniger kaufen konnte. Inzwischen darf er sich glücklich schätzen, wenn er überhaupt noch für seine Arbeit bezahlt wird. Um nicht zu hungern, baut er auf seinem kleinen Stück Land Tomaten, Gurken und Kartoffeln an. Erkrankt er, dann muß er sich bei Verwandten und Freunden Geld für Arzt, Krankenhaus und Medikamente leihen. Und wenn er irgendwann in Rente geht, dann müssen seine Kinder für ihn sorgen.

Für dieses Fiasko sind westliche Berater mitverantwortlich: Als Reformer Jegor Gajdar 1992 antrat, sollte alles ganz schnell gehen: Freigabe der Preise, Inflationsbekämpfung und Privatisierung hieß das Programm, das die westlichen Ökonomen um Jeffrey Sachs und Anders Aslund Rußland verschrieben. Die Reform der Institutionen hingegen - vom Beamtenapparat bis zum wirksamen Schutz des Privateigentums - haben die Schocktherapeuten sträflich vernachlässigt.

So ist an die Stelle der alten Planwirtschaft keine neue marktwirtschaftliche Ordnung getreten, sondern ein Machtvakuum. Es brachen goldene Zeiten an für alle, die Zugriff auf das ehemalige Staatskapital hatten rote Direktoren plünderten die nun privatisierten Kombinate aus, ohne Sanktionen fürchten zu müssen - statt dessen bekamen sie weiter Subventionen, "um Arbeitsplätze zu retten". Daran verdienten auch Bankiers, die Kredite für die Kombinate erst einmal für sich arbeiten ließen Politiker bereicherten sich, indem sie Lizenzen und Quoten verteilten oder selbst ins Geschäft einstiegen.

So entstand eine Elite, die weite Teile der Wirtschaft fest im Würgegriff hat - vom Energie- über den Bankensektor bis hin zu kleineren Betrieben. Die neuen Rockefellers des Landes legen ihre Dollars jedoch meist nicht in Rußland, sondern auf Schweizer und Londoner Bankkonten an. Es ist Kapital, das einst dem ganzen Volk gehören sollte - den Menschen, die heute auf ihre Rente und Löhne warten und deren soziales Sicherungsnetz zusammengebrochen ist.