In der Werkausgabe verlangt das "Volksstück" von "Kasimir und Karoline" aus dem Krisenjahr 1931 nur 69 Seiten für 117 Szenen. Ein schnelles Drama in der Nachfolge der hektischen Stationen-Dramen des Expressionismus?Ja, schriebe der damals gerade dreißigjährige, eben mit dem Kleist-Preis ausgezeichnete Dramatiker nicht auf jede Seite, oft zwei, drei, vier Male den Schweigebefehl "Stille", für 117 Szenen 121mal. Was hat der am 9.Dezember 1901 in der Hafenstadt Fiume an der Adria geborene Diplomatensohn Ödön (Edmund) von Horváth mit seinem fünften Bühnenstück geschrieben?Das langsam wehmütige Requiem auf verlorene Liebe?Oder den Abgalopp auf die ins Nazi-Reich taumelnde Weimarer Republik mit ihren vielen Arbeitslosen?Ein warnendes Polit-Drama?Oder ein klägliches Lustspiel der in die Irre gehenden Sehnsucht? "Alle meine Stücke sind Tragödien", warnt Horváth.Und dreht den Spieß um: "Sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind." Liest man dann noch in Horváths "Gebrauchsanweisung": "Für mich ist Komik etwas Tragisches", wird man vollends konfus - so verwirrt wie durch das Leben. Diese tragikomische Kunst ist in Christoph Marthalers Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu sehen, zu bewundern - in fast vier Stunden manchmal auch zu bestreiten.Aber ist das leise Stück vom lärmenden Oktoberfest je so quälend genau inszeniert worden, in all den privaten Verhäkelungen, seinen politischen Andeutungen, dem über die sechzehn Schauspieler (und ebenso viele stumme Darsteller) hereinbrechenden Gewitter der Liebes- als Lebens-Verfehlung? In Hamburg öffnet sich die Szene auf einen der Wartesäle, wie sie die Bühnenbildnerin Anna Viebrock so herzbeklemmend baut. Während das Neun-Mann-Blasorchester halb aus der Versenkung fährt, sehen wir - Rücken zu uns - das ganze Ensemble vor einer hölzernen Panoptikumsbude in feierlichem Museums-Rotbraun.Keine Tingeltangel-Peep-Show-Bude, sondern ein Tempel der höheren Augen-Lust.Vor den beiden Gucklöchern in jeder Seite des achteckigen Augen-Altars drängeln sich die Oktoberfestgäste und schauen drinnen, also vor dem inneren Auge, in der Phantasie, was sie bei Horváth außen sehen: den über dem Festplatz kreisende n Zeppelin und sein "ohrenbetäubendes Surren", die Horváthschen "Abnormitäten" von Zwei-Meter-zwanzig-Riesen und Liliputaner, den "Kamelmenschen" und das von Haaren überwucherte Mädchen, das "Gorilla-Weib". Doch was droht rechts, an der Rampe?Die Kraft-Maschine "Haut den Lukas".Aus der Menge der Glotzer löst sich ein schwerer Kerl: Josef Bierbichlers Kasimir.Unruhig nesteln seine Finger an der Hosennaht.Ständig zerrt er an dem über die Wampe rutschenden Ringelpullover.Der seinem Arbeitsplatz als Chauffeur nachtrauernde Kasimir haut seine ganze Verzweiflung auf den Lukas-Bolzen, so daß diesem Ausdruck von Lebensnot hoch oben, am Ende der Skala, ein höhnisches Scheppern antwortet. Christoph Marthalers Inszenierung ist keine fünf Minuten alt - und wir sind gefangen.Schon sind die Zuschauer Teil der Menschengruppe auf der Bühne.Zwischen Zartheit, stillem Staunen, dem sanften, doch alles bestimmenden Blick nach innen, in das eigene Chaos - und der gewalttätigen Explosion unterdrückter Lebenskraft sucht sich die Hamburger Inszenierung mit traumwandlerischer Sicherheit ihren Weg.Und dabei stimmt, mit der mal fiependen, mal auftrumpfenden Blaskapelle, mit den mal grölen d gelallten, öfter ganz leise, fast gesummten Volksliedern, was sich Horváth ausgerechnet für die Szene nach der Massenschlägerei vor dem Sanitätszelt wünscht: "Und die Luft ist noch immer voll Wiesenmusik." Der als Musiker ausgebildete Marthaler gewinnt - mit kleinsten Mitteln - wunderbare Freiheit für seine wohl beste Inszenierung bisher: Treu hält er sich an die von Horváth gewünschten achtzehn Musikstücke und Lieder.So ist zwischen Münchner Hofbräuhaus-Hymne ("So lang der Alte Peter"), bayerischem Defiliermarsch und schmalzigen Walzern ("Bist du's, lachendes Glück?") immer die sentimentale Rummelplatz-Stimmung gewahrt - aber auch, im Lukas-Amboß, das zum Volksfest gehörende Zei chen für Gewalt. Am Burgtheater in Wien läßt Matthias Hartmann zwei Akkordeonspieler mit schwarzen Beerdigungshüten und Sonnenbrillen über die Szene marschieren.Die hat Bernhard Kleber verwirrend vielfältig gebaut: Oben, hinter durchsichtigen, bemalten Schleiern, die Kurven der Achterbahn.Darunter ein ansteigendes Vieleck aus Holzplanken, dahinter, daneben, darunter eine Auftrittsebene, auf der agierende Darsteller nur als Köpfe zu sehen sind.In dem Verwirr-Kasten von Raum, zu den modernistischen Glissandi einer schrägen, nie volkstümlichen Musik, kommt keine Stimmung auf, bleiben alle Darsteller isoliert, geraten nie in eine - hier doch wichtige - Beziehung zueinander, sagen alle brav Text auf, oft direkt ans Publikum gewandt. Übernimmt Hartmann etwas von den Varianten früherer Fassungen, so das Falsche.In der Erinnerung an die "Vorstadtlegende" namens "Liliom" (1909) seines k.k.Landsmanns Franz Molnár, in der zwei "Himmelsdetektive" und je drei weibliche und männliche "Engel" die Flügel falten, skizzierte Horváth eine Szene, in der ein "Schutzengel" herbeiflügelt.Horváth hat den Einfall rasch verworfen: Dreißig Jahre nach Molnár, nach Krieg und Inflation gibt es auf der Bühne kein Jenseits mehr.In Wien aber fla ttert der "Schutzengel" - und verkitscht Horváth.Natürlich läßt der Wiener Regisseur im "Hippodrom" auch zwei Darsteller als "Pferd" schwitzen.Kindertheater. In Hamburg exekutieren die zwei geilen alten Wiesenbesucher (Klaus Mertens, Josef Ostendorf) mit der nach kleinem Glück schielenden Karoline und den beiden Nutten (Caroline Ebner, Özlem Soydan) eine trübe Polonaise. Schaut einer wie Marthaler in den Steinbruch der Varianten und verworfenen Fassungen, wird er - das Stück erhellend - fündig. In einer Skizze für das Rot-Kreuz-Zelt erscheint dem Visionär, der dieses Stück schreibt, einmal ein "Sanitäter", der in einer Arbeitspause, der Wiesenmusik aus der Ferne lauschend, selbstvergessen "vor sich hin dirigiert".Horváth hat den Rotkreuzler vergessen. Marthaler hat ihn jetzt wiederentdeckt und in anderer Gestalt, die Aufführung kurios belebend, seinem Menschenkosmos einverleibt. An der in die linke Bühnenwand gebauten Bar verrichtet ein kleiner alter Kellner seinen Dienst, der zarte, von innen leuchtende Wilfried Hauri.Viel hat er an seiner Schnaps-und-Wein-Theke nicht zu tun. Die Leute saufen Bier.Und doch wird das spillerige Männchen zu einer der unscheinbaren Hauptgestalten, wie sie durch Marthalers Inszenierungen geistern.Auch wenn "der alte Mann", wie ihn das Programmheft nennt, nichts zu tun hat, ist er in gespenstischer Unruhe.Er lächelt ins Leere, schaut dem verwirrend erotischen Treiben rings um ihn belustigt zu - und "dirigiert vor sich hin". Der Karajan der Kaschemme knallt, als einziger, in einem letzten Rest von Lebensfreude das Bierglas auf den Tisch, so daß alle angewidert, strafend auf ihn schauen.Es stört ihn nicht.Fröhlich schickt er dem Knall ein meckerndes Lachen hinterher, das ihn noch lange schüttelt.Für ihn gehört sich das so.Die andern setzen ihre Maß mit beängstigender Behutsamkeit auf den blankgescheuerten Tisch. Das ist keine Macke des ins Leise, in die Langsamkeit aller Bewegungen vernarrten Regisseurs.Nein, im fünf- oder sechsmal wiederholten Kontrast von trotzig selbstbewußtem Donnern des Bierhumpens auf den Tisch und peinvoll bedächtigem Absetzen des Trinkgefäßes kann Marthaler hörbar und sichtbar machen die Not der Zeit, kurz ehe die Nazis aufmarschieren.Für den Alten gehört fröhlicher Krach zur Wies'n-Gaudi.Die Jüngeren zelebrieren den Ausflug auf die Theresienwiese schon wie die eigene Beer digung, als hätten sie nicht das Recht auf einen Jux.Marthaler erfindet noch eine Gestalt: den mit großen Tüten zwischen den Tischen streunenden, hungrigen Arbeitslosen, der Biergläser klaut, um an Geld zu kommen.Kann man die politische Geschichte des Stücks, ohne Hakenkreuz oder Marschtritt, eindringlicher erzählen? Freundlich böser ist das Schild über der Bühne in Hamburg: "Hier sind Sie richtig!"Plötzlich liest man die Einladung wie das zynische Willkommen über dem Tor zum KZ: "Jedem das Seine".Das kommt dem Stück näher als der verharmlosende Untertitel, den Horváth später für die auf sieben Bilder reduzierte Bühnenfassung wählt: ". . . von der Liebe Lust und Leid und unsrer schlechten Zeit". Wovon in Wien nichts zu sehen ist, das macht den Zauber der Hamburger Aufführung aus: ein eng gewobenes Geflecht von Beziehungen aller mit allen.Christoph Marthaler hat, in kleinsten Gesten der Körpersprache, eine Meisterschaft entwickelt, die Geschichte nur in Gesten, verweigerten Berührungen, vermiedenen Blicken erzählen kann. Was hat sie alles schon schlucken müssen von diesem schweren, in sich verschlossenen Kasimir, der ihr Bräutigam ist und den selbst sein Freund "Du Trumm Mensch!" nennt.Olivia Grigolli als Karoline, adrett bis in die dunkle Dauerwelle, will nur ein Eis schlecken, einmal Achterbahn fahren.Kann sie etwas dafür, daß ihr Verlobter seit heute arbeitslos ist?Als er ihr grob kommt, attackiert sie den dumpfen Burschen von hinten, mit einem Hagel von Boxhieben - ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu b erühren. Dann ist ihr Protest erschöpft.Ist das nicht "ihr" Kasimir, der sich mit Kutschern anlegt, wenn die ihr Pferd prügeln?Da schämt sie sich für ihre Hiebe in die Luft, schmiegt ihr kleines, vor Lebensgier heißes Gesicht an seinen Rücken - und sieht sich endgültig abgewiesen.Er haut ihr seine Pranke vor die Stirn, brüllt sie an: "Denk nur nach, Fräulein!" und läßt sie stehen.Dabei kann der Zuschauer auf Josef Bierbichlers Gesicht und in seiner Stimme das Abschiedselend erleben.Der noch bei ihren Elt ern lebenden Karoline ruft er trotzig hinterher: "Ich habe keine Eltern mehr und steh' allein in der Welt, ganz und gar allein."Ehe ihn Selbstmitleid vollends übermannt, rettet er sich (in einem Stück, das den Ausdruck "Entfremdung" kennt), wie öfter auch, in die dritte Person, gibt seiner Verfluchung überpersönliches Gewicht, wenn er von sich als "Kasimir" tönt. Karolines Freundin, Erna, verbandelt mit dem kleinen Gauner Franz, verfolgt den Streit und macht sich ihren Reim darauf: "Ich glaub' es nicht, daß der Kasimir eine robuste Natur ist.Der ist mehr empfindsam."In Wien tänzelt ein schikkes Paar in weißen Klamotten über die Bühne (gräßlich chargierend: Johannes Krisch und Anja Kirchlechner).Keinen Augenblick zu verstehen, was die mit dem Kasimir des ausgepowerten Marcus Bluhm und dessen Karoline, der besten Darstellerin in Wien, Tamara Metelka, zu tu n haben könnten. In Hamburg ist der ausgemergelte Ueli Jäggi ein lungenkranker Todeskandidat, dem kleine Diebstähle einen letzten Kick geben. Vor allem ist die still leidende Bettina Engelhardt ein Opferlamm von unerschöpflicher Kraft des Widerstands, wenn sie diesem Gauner ihre Handtasche als Spucknapf öffnet.Es schnürt einem die Kehle zu, wenn Bettina Engelhardt und Josef Bierbichler am Schluß nebeneinander sitzen, zwei Strandvögel, die sich ohne Hoffnung aneinanderlehnen und trostlos leise, Bierbichler mit der Kopfstimme wie greinend, den Grund-Choral dieses Totentanzes anstimmen: "Jedes Jahr kommt der Frühling / Ist der Winter vor bei. / Nur der Mensch hat alleinig / Einen einzigen Mai."