Als Robert Atzorn zwanzig war, wollte er sich mit Schlaftabletten vergiften. Nach einem mißglückten Graphikstudium war er zwar im Nachrückverfahren an der Münchner Falckenberg-Schauspielschule aufgenommen worden, doch schon am ersten Tag fand er seinen Auftritt "so beschissen", daß ihm der Tod der einzig ehrenvolle Abgang schien. Sein Abschiedsbrief wurde von den Eltern rechtzeitig gefunden, doch gerettet war er noch lange nicht.

Bis Robert Atzorn 31 war, spielte er sich und der Welt ein Leben der Boheme vor und war als Star seiner Vorstellung aus "Größenwahn, Dummheit, Idiotie" völlig von der Rolle. Seine Requisiten waren Alkohol und Frauen. Aber statt des ersehnten Beifalls bekam er von allen Seiten Prügel: "In Zürich wollten sie mich am Theater nicht länger haben, weil ich zu schlecht war. Und am Bochumer Schauspielhaus sagte Zadek dann noch zu mir: ,Erstklassige Provinz mit Deckel drauf!`" Selbst dafür ist Atzorn heute dankbar: "Der Mann hatte total recht. Du brauchst manchmal einen kalten Waschlappen in die Fresse, um aufzuwachen. Aber je blöder man ist, desto großartiger findet man sich ja."

Heute, nach 51 Lebensjahren, diversen Therapien, vielen Rollen und ungezählten Erkenntnissen, findet Atzorn sich selbst immer weniger großartig. Die Fernsehzuschauer hingegen können nicht genug von ihm bekommen. Robert Atzorn ist der Quotenmann und hat eine Glücksserie nach der anderen. Sie liebten ihn als Pfarrer Wiegandt, lieben ihn als Lehrer Dr. Specht und werden ihn sicher auch als Kapitän Harmsen lieben. Somit hat Atzorn alles erreicht, was er als Schauspieler wollte: "Ich dachte, dann sind die Leute einfach gezwungen, mir zuzugucken", sagt er, "das war meine einzige Motivation: Ich brauche Anerkennung und Liebe, weil ich da immer zu kurz gekommen bin."

Die Titelrolle in dem ZDF-Fünfteiler (Start: 4. Januar) hat ihn gereizt, weil "der Kapitän viel tougher und männlicher ist als der ewig verständnisvolle Lehrer Specht". Aber obwohl Kapitän Harmsen manchmal ein dreckiges Gesicht hat und guckt wie Humphrey Bogart in "African Queen", sieht er trotzdem immer aus wie Lehrer Specht auf See. Und all seine TV-Helden sehen wiederum so aus wie das Original Robert Atzorn, der jetzt im "Café Atlas" in München sitzt und so nervös ist, daß er sein Zuckerpäckchen in den Aschenbecher statt in den Milchkaffee schüttet.

In der Schule blieb er unter dem Leistungsdruck seines Vaters zweimal sitzen. Mit vierzehn füllte Atzorn das schwarze Loch in sich zum ersten Mal mit Alkohol. Über seine Mutter will er nicht reden: "Es würde sie zu sehr verletzen." So rücksichtsvoll ist nur einer, der selber verletzt worden ist. Er sagt dann doch, daß sie in der Ehe immer die schwächere war und dafür ihren ältesten Sohn so besitzergreifend liebte, daß er sich nur schwer vom "Muttersöhnchensyndrom" befreien konnte. Selbst aus dem Unglück seiner Hamburger Kindheit versucht er heute noch Sinn zu bergen: "Die Meister sagen ja immer, man sucht sich seine Situation als Lernstoff für das Leben aus.

Insofern waren meine Eltern hervorragende Trainer."

Vielleicht hat Robert Atzorn durch diese harte Schule lange Zeit geglaubt, daß wahre Liebe schmerzen muß daß Liebe, die einem geschenkt wird, nichts wert ist und nur wer nicht liebt, der ist die ewig unerreichbare Endstation Sehnsucht. "Ich war ja mit 22 schon mal verheiratet - es war eine Qual, nur Chaos und Machtkampf", sagt er. Erst als er 1975 die Tänzerin und Schauspielerin Angelika Hartung auf der Bühne traf, lernte er Leiden nicht mehr mit Leidenschaft zu verwechseln.