Die Baumfreunde – Seite 1

Wie lange wir von San José brauchen, könne er nicht sagen, vier, vielleicht auch sieben Stunden. Miguel Soto lacht. Die Deutschen wollten immer alles ganz genau wissen. Doch an diesem Nachmittag haben wir Glück. Es regnet kaum, und die Piste in Richtung Lanas, auf die wir von der Schnellstraße abbiegen, ist ausnahmsweise gut passierbar.

Miguel Soto ist der Chef von Arbofilia, einer kleinen Naturschutzorganisation, die in der Pufferzone des Carara-Reservates die lokale Bevölkerung bei der Aufforstung gerodeter Flächen unterstützt. Die "Baumfreunde" haben sich für ihr Projekt ein ökologisches Krisengebiet ausgesucht: Die Region um die Dörfer Lanas und El Sur gehörte in den achtziger Jahren zu den am stärksten von Entwaldung und Landflucht betroffenen Gebieten Costa Ricas. Der Primärwald mußte Weiden und Feldern weichen, die dennoch nicht ausreichten, um der Bevölkerung langfristig ein Auskommen zu sichern. Das 4700 Hektar große Carara-Reservat ist eine Übergangszone zwischen Feucht- und Trockenwald, Lebensraum einer besonders reichhaltigen Tier- und Pflanzenwelt.

Aus der Erde dampft der nächtliche Gewitterguß. In den Tälern liegen Nebelseen, die sich nur langsam auflösen. Bis zur Küste reiht sich Hügelkette an Hügelkette. Maisfelder, Ananaspflanzungen, freiliegende Flächen mit Erosionsnarben lassen erkennen, wo das Carara-Reservat endet. "Dies war früher einmal die Wanderroute der Tiere, die jetzt unterbrochen ist", sagt Miguel Soto und deutet auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen. Hier breiten sich vor allem Teakplantagen aus, von denen sich viele in der Hand ausländischer Investoren befinden.

Den vom Kahlschlag vergangener Jahre unterbrochenen Weg wiederherzustellen, sogenannte "biologische Korridore" zu errichten ist eines der Ziele von Arbofilia. Zur Zeit liegen die übriggebliebenen Restwälder wie Inseln in einem Meer naturarmer Monokulturen, die den für das Überleben bedrohter Arten wichtigen genetischen Austausch zwischen Populationen blockieren und Tieren den Zugang zu früher genutzten Lebensräumen versperren.

Die Naturschutzgebiete stoßen nicht gerade auf Gegenliebe. Für die lokale Bevölkerung bedeuten sie zunächst einmal einen wirtschaftlichen Verlust, eine Begrenzung der Anbaufläche. Entsprechend nagt der Ackerbau an den Rändern, Holz wird nach wie vor gefällt, Wilderer bedrohen den Tierbestand. Miguel Soto hat denn auch harte Worte für den offiziellen Naturschutz in Costa Rica: "Innerhalb der Schutzgebiete bemüht man sich um totalen Schutz, und außerhalb erlaubt man eine totale Ausbeutung der Natur." Ökonomische, von der Bevölkerung akzeptierte Alternativen zum Raubbau an der Natur sind daher gefragt. "Das von Arbofilia entwickelte System kann ein Modell für Kleinbauern auf der ganzen Welt sein", sagt Miguel Soto.

Wenige Meter hinter der Station in El Sur liegt eine der mit der Unterstützung von Arbofilia aufgeforsteten Flächen. Miguel Soto schlägt mit der Machete Büschel der roten, mit fleischigen Stacheln bedeckten Mamón-Früchte ab. Die "falschen Lychees" sind der Brotbaum der Pflanzungen. "Sie sind sehr begehrt", sagt er und entfernt Zweige, die neu gepflanzte Bäumchen am Wachsen hindern. Zwischen den Bäumen wächst Kakao, und an den Stämmen klettern die Ranken der Vanille hoch. Irgendwann soll diese Fläche zu dem werden, was Miguel Soto einen "bosque análogo", einen analogen Wald, nennt.

Mit dem Primärwald, der hier noch vor wenigen Jahren stand, hat dies allerdings nichts mehr zu tun. Eine Vielfalt von nutzbaren Bäumen wie Citrus, falsche Lychees und Pejibaye-Palmen, die eine stärkehaltige Frucht liefern, sowie Kakao, Vanille und Yucca, deren Wurzeln vor allem wichtig sind, um den Boden zu befestigen, sollen die Struktur des natürlichen Waldes imitieren und eine ähnliche ökologische Funktion übernehmen. "In einigen Jahren werden wir hier Orchideen, Bromeliaceen und Philodendron-Arten einführen, die die Bäume besiedeln und die Feuchtigkeit halten", erklärt Miguel Soto.

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Arbofilia arbeitet mit geringsten Mitteln. Geld von seiten der Regierung oder ausländischer Geber erhält die Organisation nicht.

Darauf ist man stolz. Die Organisation finanziert sich zu einem großen Teil aus dem Verkauf von Honig. Neben einhundert Kolonien afrikanisierter Bienen, Kreuzungen aus europäischen Honigbienen und afrikanischen Bienen, hält die Organisation fünfzig Kolonien der in Costa Rica heimischen stachellosen Bienen, die nicht nur Honig liefern, sondern auch zu den wichtigsten Bestäubern im Wald gehören.

Was vor zwanzig Jahren mit einigen Bauern begann, ist mittlerweile ein Zusammenschluß von 1200 Familien. Heute verfügt Arbofilia über ein vierradgetriebenes Fahrzeug, die Station in El Sur und siebzehn Baumschulen. Eine davon gehört den Kindern, um deren Umwelterziehung sich die Naturschutzorganisation bemüht. 1986 hat Arbofilia den Status einer Nichtregierungsorganisation (NRO) erhalten. "Wir knüpfen an die Arbeitsweise unserer indianischen Vorfahren an", sagt Miguel Soto, der einer der wenigen Costaricaner ist, für die dies noch zutrifft. Er spricht viel über Träume, seine Vorfahren und eine Philosophie, in der Bauern die Rolle von Bewahrern und nicht von Zerstörern der Natur einnehmen.

Mehr als Ideologien dürften die Bauern jedoch die handfesten Vorteile des naturnahen Systems überzeugt haben. "Früher haben die Leute hier viel Reis angebaut. Aber die Pestizide sind teuer, und der Ertrag ist ständig gesunken", erzählt Gilda, die für Gäste der Station kocht. Das Einkommen in der Landwirtschaft zu bestreiten wurde immer schwieriger, und die Emigration nach San José erschien vielen Familien als einziger Ausweg. Effizienter Naturschutz, betont Miguel Soto deshalb, sei nur durch die Verbesserung der Lebensbedingungen möglich. In Zukunft will man sich zudem vermehrt um Besucher aus dem Ausland, um Studenten, Wissenschaftler und freiwillige Helfer bemühen, die bei Familien in El Sur wohnen sollen.

An vielen Orten Costa Ricas hat die Tourismusindustrie die Anziehungskraft der Natur entdeckt. Was als Ökotourismus begann, ist jedoch oft zu einer Belastung der Natur geworden.

Noch liegt El Sur abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Das Fußballfeld ist neben einer pulperia, einer Art Kiosk, wo man Kleinigkeiten kaufen, aber auch ein Bier trinken kann, der einzige Treffpunkt des aus etwa vierzig Häusern bestehenden Dorfes. Die Nähe zum Carara-Reservat, die Möglichkeit Faultiere, Aras, Tukane, Leguane und Affen im Vorbeigehen zu beobachten, macht die Gegend für Individualisten attraktiv. In den Schubladen der Kantonsverwaltung liegen jedoch bereits Pläne für eine Schnellstraße, die das Gebiet besser erschließen und an das nördlich gelegene Verwaltungszentrum anbinden soll. Sie würde die Berge von Turrubares und La Potencia zerschneiden, die für viele Tiere Rückzugsgebiet sind und die Region mit Trinkwasser versorgen. Was als Entwicklungshilfe gedacht ist, kann daher schnell zu einer ebenso handfesten Bedrohung werden wie die Monokulturen, die sich noch immer ausbreiten.