Als Animateur in Sachen Lehrstellen hat der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Wolfgang Clement einen schweren Job. Gleich, in welcher Industrie- und Handelskammer er auftritt - das Publikum zeigt sich zumeist spröde. Nicht einmal die Fördergelder des Landes, die sogenannte "Ausbildungsverbünde" befördern sollen, locken die örtlichen Arbeitgeber aus der Reserve. Anders war es jedoch im vergangenen Herbst in der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln. Dort lauschten auch türkische Unternehmer der Rede des Wirtschaftsministers. Und die fackelten nicht lange. Schnell war der Ausbildungsverbund perfekt. Firmen wie Adam Transporte, Atti Feinkost oder Özer Elektronik bilden nun Kölner Jugendliche aus.

"Wir wollen doch unseren Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Türkisch-Deutschen Unternehmervereins (TDU), der Verleger C. Hayati Önel. Acht Auszubildende haben inzwischen ihre Lehrstelle in einer der Verbundfirmen angetreten.

Weitere acht sollen in den nächsten Wochen ihre Verträge unterschreiben.

Einmal im Jahr bilanziert die deutsche Presse das türkische Unternehmertum in Deutschland. In der Regel hat dann das Zentrum für Türkeistudien in Essen seine neuesten Zahlen veröffentlicht. Der Tenor der Berichterstattung ist wohlwollend. Dennoch wird stets aufs neue erstaunt konstatiert, daß "der Türke" doch mehr kann, als Dönerkebab zu braten. Dabei haben viele türkische Unternehmer längst die Ethno-Nische verlassen.

Der Verleger und Druckereibesitzer C. Hayati Önel zum Beispiel gibt nicht nur türkische Schulbücher heraus. Er druckt ebenso Infomaterial für den Westdeutschen Rundfunk oder für den Bundesverband Deutscher Entsorger. In zum Teil atemberaubendem Tempo haben sich türkische Reiseveranstalter in den vergangenen Jahren einen Teil des deutschen Tourismusmarktes erobert. Die Hamburger Öger Tours waren vor der Flugzeugkatastrophe im Frühjahr dieses Jahres einer der größten Türkeianbieter in Deutschland. Vural Öger, der Inhaber, ist auch jetzt wieder gut im Geschäft, ebenso wie Nazar Holidays aus Düsseldorf, die Zehntausende deutscher Touristen an die türkischen Sonnenküsten verfrachten - und nicht nur dorthin.

Türkische Unternehmen schaffen längst nicht mehr nur Arbeitsplätze für Freunde, Bekannte und Familienangehörige. Von den 162 000 Arbeitsplätzen (1995) in türkischen Firmen profitierten auch deutsche Arbeitnehmer. Der Aachener Textilfabrikant Kemal çahin zum Beispiel gibt allein in Deutschland 1200 Menschen Arbeit, davon 600 gebürtigen Deutschen und 300 eingebürgerten Türken.

Mit einem Jahresumsatz von 1,2 Milliarden zählt Kemal çahin, der in der Türkei produziert und in Deutschland seine Vertriebs- und Serviceeinrichtungen hat, zu den erfolgreichsten türkischen Unternehmern in Deutschland. Aachens Kommunalpolitiker geben sich bei dem millionenschweren Investor die Klinke in die Hand, und auch der Präsident des Europäischen Parlaments war bei çahin schon zu Gast. Was wirtschaftliche Potenz und politischen Einfluß angeht, steht Kemal çahin deutschen Unternehmerpersönlichkeiten in nichts nach.