Alles, was wir über den Fußballbundestrainer wissen, wissen wir aus den Medien. Nun haben sie ihn am 30.Dezember zu seinem 50.Geburtstag geehrt, ein weiteres Mal die gängigen Klischees zitiert und den ewigen Berti Vogts gezeigt, der natürlich wieder genauso ist, wie man es schon vorher wußte.Doch was auch immer man über ihn erzählt - der Bundestrainer selbst begegnet den Medien skeptisch und fürchtet sie auch dort, wo sie ihn ehren. Kein Gegenspieler in der Karriere des Fußballers Vogts zeigte sich so unberechenbar, so trickreich und verschlagen wie Fernsehen und Presse.Die Medien zeichneten das Profil vom kleinsten der drei großen Deutschen im Triumvirat aus Bundeskanzler, Bundespräsident und Bundestrainer.Sie und niemand anders vermitteln uns die Bilder vom humorlosen und verbissenen "Berti", dem Terrier in Turnhosen, dem bodenständigen Eisenfuß, der kleindeutschen Lösung nach Abtritt des letzten deutschen Fußball kaisers."Der gute Mensch vom Niederrhein", hatte sich der Spiegel zu Bundes-Bertis Amtsantritt amüsiert.Zu einfach läßt sich über den Waisenjungen aus Korschenbroich mit der Skifliegerstatur lachen, den Minimaldeutschler, dessen Medienauftritte B efreiungsschläge sind, beherrscht von der Angst vor dem semantischen Abstieg. Verlacht haben sie ihn, als bei der Europameisterschaft 1992 das kleine Dänemark Deutschlands Elitekicker düpierte, das fußballerisch noch kleinere Bulgarien sie 1994 aus der Weltmeisterschaft köpfte. Einer wie Vogts kann nicht auf Dauer, allenfalls für eine kurze Zeit ein Held sein wie unlängst beim Gewinn der Europameisterschaft 1996, als er in süß-bitteren Bild-Lettern lesen konnte, nun auch ein Souverän, freilich nur ein "kleiner Kaiser" zu sein. Das Zwischenhoch in der Gunst der Journalisten, der Bundestrainer weiß es genau, wird nicht lange vorhalten.Um so tiefer nur werden sie ihn wieder fallenlassen, wenn Fußballdeutschland 1998 nicht Weltmeister wird.Dann geben ihm die Medien wieder die Rolle, für die er längst den Telestar, oder zumindest einen Bambi verdient hat: als Watschenmann der Nation. Kein Wunder, daß Vogts den Medienauftritt scheut, ihn meidet, wann immer das möglich ist.Viel zu lang und viel zu heftig hat er den grausamen Spott ertragen müssen, den eine kleine Statur, ein introvertiertes Gemüt und ein vorsichtiger Charakter im Fernsehen mit sich bringen frei nach dem Satz, daß, wer Pech im Leben hat, dafür auch büßen soll. Doch gegen die Ungerechtigkeit in die Offensive zu gehen ist Vogts Sache nicht.Statt dessen hat sich Deutschlands ehemals bester Manndecker über die Jahre ein fast komplettes Abwehrsystem zurechtgebastelt. Der wichtigste dieser rhetorischen Riegel ist Vogts Vorliebe für das Unpersönliche."Man hat ein gutes Spiel gesehen . . .", "Man ist nach vorne gestürmt . . .", "Man muß dieser Mannschaft ein Kompliment machen . . ."Die vierte Person Singular, das ominöse "man", das sich nicht identifizieren, nicht festschreiben läßt, ist des Bundestrainers größter Trumpf, die grammatikalische Revanche an einer Öffentlichkeit, die ihm das Allerheiligste, die Persönlichkeit, abspricht. Gegen den Catenaccio des kleinen Mannes sind selbst die ausgebufftesten Profis der Medienzunft machtlos.Vogts-Interviews sind für Fernsehjournalisten eine Tortur, bei der das Zuspiel nicht klappt, ein Ensemble hölzern einstudierter Standardsituationen, abgeschlossen durch ein betroffenes "Ja?" am Satzende, das Zustimmung erheischt und Mitleid fördert: Einer wie er hat es nicht leicht. Erstaunlich nur, daß ein so verletzlicher Mensch wenig Scheu davor zeigt, sich als Don Quijote ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Während Politik und Gesellschaft zunehmend nach den Regeln des Sports funktionieren, ein kick and rush, hire and fire, in dem nur die Tore, die Rücktritte, Pleiten, Stürze und Personalfragen von Medieninteresse sind, reklamiert Vogts ausgerechnet für die Welt des Sports politische Urwerte wie Sachkompetenz, Fairneß und Moral.Mit nimmermüdem Einsatz kämpft er für die heroische Fußballwelt einer vergangenen Epoche: Tugend und Kameradschaft, Vaterlandsliebe und Ehrlichkeit Werte, die schon in den s iebziger Jahren schal waren, als Vogts noch der Arbeit in kurzen Hosen nachging. Wer sich selbst auf einen solch verlorenen Posten beruft und sich sogar zum Anachronismus versteigt, die Aufstellung der Nationalmannschaft gehe den Bundestrainer tatsächlich mehr an als SportBild, Kicker oder Sat.1, darf sich über Häme nicht wundern.Und selbst der gewitzte Journalist, der etwas anderes zu Papier bringen will als die ewige Rede vom Mittelmaß eines Kleingeistes, tut ihm natürlich keinen Gefallen.Kosmopolit statt Kleinbürger, Kenner statt Kaiser, hatte Roger Willemse n anläßlich der letzten Europameisterschaft über Berti Vogts gedichtet, ihn auf den Schild des Weltbürgers gehoben, auf dem er, dem Argwohn der Medien trotzend wie Majestix seinen Trägern, hilflos und überfordert ausharren muß. Er weiß, daß dies mit ihm selbst nichts zu tun hat, allenfalls mit der journalistischen Notwendigkeit, ab und zu etwas Neues zu schreiben.Wirklich typisch ist Berti Vogts weder für den Niederrhein noch für die Rolle des Weltbürgers.Welche Bedeutung hat der Geburtsort denn tatsächlich für das Bewußtsein einer Person, und welcher Aberglaube hält auch heute noch aufrecht, Menschen aus Korschenbroich seien wesensmäßig anders als Menschen aus Solingen oder Kassel? Journalisten aller Couleur mögen dies auch weiterhin voneinander abschreiben.Doch wenn der Bundestrainer wirklich typisch für etwas ist, dann nicht für die Mentalität einer Region, sondern für ein Zeitproblem. In keiner anderen Medienfigur des deutschen Fernsehens kristallisiert sich die Unsicherheit des postmodernen Ich wie in Berti Vogts. Entfremdet ist sich der Bundestrainer nicht nur durch den Merce- des-Stern auf der Trainingsjacke, die Molkereiwerbung auf den Söckchen, sondern vor allem durch den Blick der Medien.Bezeichnend, daß er sich vor der Kamera selbst kommentiert: "Ein Berti Vogts ist eben kein Franz Beckenbauer", sieht er sich immer wieder genötigt zu betonen, und daß er einen wie sich selbst nicht nominieren würde.Ein Spieler wie er hat bei ihm keine Chance. Die Schwierigkeit, zu sich "ich" zu sagen, macht den Bundestrainer stellvertretend für die Epoche des Übergangs von einer parlamentarischen Demokratie in eine Telekratie.Die Angst vor der Vereinnahmung, der Macht der Medien, vor allem des Fernsehens: Sie bestimmt seine Auftritte vor der Kamera und verleiht ihm die trotzige Unsicherheit, die sich die Medien ihrerseits nur wünschen, um ihn den kleinen Berti Vogts sein zu lassen, als der er im deutschen Wohnzimmer erwartet wird. Tatsächlich jedoch haben die Medien nicht wirklich etwas gegen den Mann, den sie zur Diminutivfigur des "Berti" gestempelt haben und der als Projektionsfläche für Verliererphantasien gute Arbeit für die Quote leistet.Für Freunde der Schadenfreude ist das Happening durchaus interessant.Wer nicht richtig funktioniert, den bestraft das Medium, gnadenlos und unerbittlich.Dafür wird er uns gerne gezeigt, interviewt und vorgeführt.Bis er wieder aus dem Licht der Kameras tritt, ins Dunkel, in dem er de r Berti Vogts sein darf, der er wirklich ist.