Ob am 1. September des Jahres 2001 Fernsehteams vor dem Gefängnis Tanah Merah in Changi, Singapur, auf die Freilassung eines 34jährigen Briten warten werden, ist fraglich. Wenn Nicholas William Leeson seine Haftstrafe verbüßt hat, dürfte kaum ein Hahn mehr nach ihm krähen.

Bis vor gut einem Jahr, als ihm nach seiner Flucht aus Singapur und einer fast achtmonatigen Untersuchungshaft in Frankfurt am Main vom südostasiatischen Stadtstaat der Prozeß gemacht worden war, hatte sich Nick Leeson noch der vollen Aufmerksamkeit der Medien erfreuen können. Das Bild, das damals um die Welt ging, zeigt einen jungen Mann im Sportpullover, die Baseballmütze nach letztem Schrei mit dem Schild nach hinten auf dem Kopf, der in die Kamera grinst, als wäre ihm gerade ein besonders guter Jux gelungen. Diese verkappte Teenager-Spätlese soll Barings, eine der ältesten und renommiertesten englischen Banken, ruiniert haben?

Sie hat. Und obwohl die Story mittlerweile in diversen Büchern beschrieben worden ist, mutet sie immer noch phantastisch an.

Konnte wirklich ein einzelner Wertpapierhändler umgerechnet rund 1,8 Milliarden Mark und damit etwa das Zweieinhalbfache des Kapitals von Barings regelrecht verzocken? Fielen dem Management in der Londoner Zentrale die in Höhe und Form irrsinnigen Spekulationsgeschäfte ihres singapurianischen Außenpostlers nicht auf? War die 1763 gegründete Bank, die sogar die königliche Familie zu ihren Kunden zählte, tatsächlich so chaotisch organisiert, daß sie ihre Existenzbedrohung erst bemerkte, als es schon zu spät war?

John Gapper und Nicholas Denton, zwei Journalisten der Financial Times, haben die Geschichte des spektakulären Zusammenbruchs von Barings minutiös recherchiert. Sie führten nicht nur Interviews mit fast allen beteiligten Personen, sondern konnten auch auf bis dato unveröffentlichte Briefe und Mitschnitte von bankinternen Telephongesprächen zurückgreifen. Ihr kürzlich erschienenes Buch, von dem es bislang keine deutsche Fassung gibt, trägt den Titel "All That Glitters", frei übersetzt: "Es ist nicht alles Gold, was glänzt".

Das Glitzerwerk spiegelt eine erstaunliche Szenerie wider, in der Gier und Größenwahn, Dummheit und Dreistigkeit fröhliche Urstände feierten. Hinter der ehrwürdigen Fassade von Barings ging es, wie Gapper und Denton zeigen, drunter und drüber. Das relativ kleine Geldinstitut wollte mit den führenden internationalen Investmentbanken mithalten und stieg in das zwar lukrative, aber äußerst riskante und hochkomplizierte Geschäft mit Wertpapieren und deren Ablegern, den sogenannten derivativen Finanzprodukten, ein - und das ohne die organisatorischen, personellen und technischen Voraussetzungen.

Das veraltete EDV-System brach oft zusammen, und unter den 43 Direktoren hatten 40 von den Abläufen innerhalb der Bank nach Erkenntnissen der Buchautoren wenig Ahnung.