Das Mädchen tanzt, und durch einen Fensterschlitz schaut der Junge ihr zu. Wie gebannt. Bis sich plötzlich alles ändert, die Musik, die umkippt wie ein Turm, und die Bewegungen des Mädchens: "Sie fiel. Sie fiel wirklich. Sie fiel und fiel, immer wieder. Sie war wie ein Ball, der fällt und hochspringt: Der Boden warf sie zurück."

Diese Szene gibt Anne Provoosts Roman den Titel: "Fallen". Zugleich ein Bild für den bemerkenswerten Balanceakt, den dieser Roman unternimmt. Er fällt immer wieder in sein Thema und springt immer wieder in seine Liebesgeschichte. Er wechselt von leisen Passagen zu dramatischen Aktionen, er zeichnet ein realistisches Milieu und verwandelt es doch in einen komponierten Raum.

Lucas, der Ich-Erzähler, sucht nach der Geschichte seines Großvaters.

Alle scheinen sie zu kennen, nur Lucas nicht. Fast jeden Sommer hat er mit seiner Mutter den Opa auf dem Lande besucht. Nach dessen Tod, in diesem Jahr, stößt Lucas auf eine merkwürdige Atmosphäre des Ungesagten, nickende Zustimmung ebenso wie feindliche Blicke um ein scheinbar offenes Geheimnis.

Jetzt fragt Lucas gegen das Schweigen an. Und Stück um Stück, immer kurz und abrupt, enthüllt sich ihm die Geschichte. Als das Land im Krieg von den Deutschen besetzt war, hatte sein Großvater den Besatzern verraten, daß die Nonnen im benachbarten Kloster fünfzehn Juden versteckt hielten. Sein Motiv: Zorn und Verzweiflung über den Tod seiner kranken Tochter. Die Nonnen hätten den Kranken Essen entzogen, um es den Juden im Keller zu geben. So habe es sich der Großvater wahnhaft zusammengereimt, sich den Tod erklären wollen. Und aus dem Affekt wurde zeitlebens die Manie einer Ideologie.

Lucas kramt im Schuppen, sucht im Haus, findet eine alte Druckwalze und entziffert: "Auschwitz stark übertrieben". Die Geschichte geht noch weiter, fast bis zum Ende zieht der Roman die Aufdeckung der ganzen Wahrheit, keine Aufarbeitung, ein Freischürfen. Zugleich gerät Lucas in die Nähe zweier rechtsextremer Jugendlicher, läßt sich mit ihnen ein und verstrickt sich in ihre Machenschaften aus Feuer und Gewalt. Ort der Handlung: ein europäisches Vorstadtmilieu mit allen entsprechenden Komponenten. Anne Provoost hat einen erzählerischen Modellversuch inszeniert, in dem Vergangenheit und Gegenwart rechter Ideologie verschränkt werden. Für Lucas ist die Brücke zwischen damals und heute keine abstrakte Konstruktion, sein Opa stand auf dieser Brücke - jetzt er selbst. Es ist Caitlin, das Mädchen, die Tänzerin, die ihn immer wieder darauf stößt.

Sie fasziniert ihn, irritiert und provoziert.